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Bensberg | Basement-16 | 21. März 2026
 
Ein Bericht von Christian Reder mit Fotos von Nicola Reder



Fast 37 Jahre nach der deutschen Einheit hat es die Volksarmee der DDR bis tief in den Westen auf das Gebiet des ehemaligen Klassenfeindes geschafft, genauer gesagt vor die Tore der Stadt Köln. Nein, mit Krieg hat das nichts zu tun … Hier wurde keiner angegriffen. Eher mit Frieden, mit etwas Schönem - kurz: mit Musik. Zu DDR-Zeiten gab es die TBA-Combo, eine Musikgruppe, die aus Wehrdienstleistenden der Nationalen Volksarmee bestand. Eigentlich war diese Gruppe nur zum Bespaßen der Offiziere und anderer hochrangiger Militärangehöriger bei deren Feiern gedacht. "Marmor, Stein und Eisen bricht" und "Wer hat den Käse zum Bahnhof gerollt" mussten sie spielen, um bei ihren Vorgesetzten für gute Stimmung zu sorgen. Aber es fand sich auch genügend Zeit, der eigenen Leidenschaft nachzugehen, nämlich der Rockmusik in all ihren Spielarten. Und die TBA-Combo bekam die Möglichkeit, beim Rundfunk der DDR eigene Stücke aufzunehmen. Eines davon ("Du bist eine Blume") erschien bei AMIGA auch auf Schallplatte, nämlich der dritten Ausgabe der "Hallo"-Reihe. Andere bei dieser Aufnahmesession entstandene Titel verschwanden im Archiv - bis jetzt. Einmal mehr machte sich das Label ROKKfilm nun auf Spurensuche in die Tiefen des Deutschen Rundfunkarchivs, um diese Musik zu finden, und es ist ihnen schließlich auch gelungen. Am Samstag, den 21. März, präsentierte das Label bei einer Record-Release-Veranstaltung im rheinländischen Bensberg diese brandneue Schallplatte der TBA-Combo, ebenso wie eine weitere ganz neue Platte der DDR-Heavy-Metal-Band CRYSTAL. Und ein ehemaliges Mitglied der Nationalen Volksarmee war auch dabei …

Als Lokalität für diese Veranstaltung diente die Basement-16-Galerie in der Bensberger Innenstadt, in die Betreiberin Marlis Sauer eingeladen hatte. Sie begrüßt auch die ankommenden Gäste herzlich. Unter dem Motto "Kunst heilt, wenn Worte nicht reichen" stellen dort derzeit 25 Künstler aus 10 Nationen ihre Werke aus, darunter auch CROW, der das Artwork zum Album der TBA-Combo und im vergangenen Jahr bereits das zum TELEFONIE-Album erschaffen hat. Das Originalbild, das jetzt das Cover der TBA-Combo-Platte ziert, war dort auch ausgestellt und wechselte bereits kurz nach Eröffnung der Ausstellung für einen mittleren vierstelligen Preis den Eigentümer. Dieser war dermaßen von der Geschichte der Band, die von Gotte Gottschalk erzählt wurde, beeindruckt, dass die Entscheidung zum Kauf bei den neuen Eigentümern relativ schnell feststand.


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Der Einlass war um 18:00 Uhr, die Galerie füllte sich langsam, aber sicher mit interessierten Menschen. Knapp 20 Minuten später eröffnete CROW mit einer kleinen Ansprache den Abend. Er stellte sich kurz vor und übergab den Staffelstab an Labelchef Jens-Uwe Berndt aka JUB. Dieser war mit einer Delegation seiner Plattenfirma angereist, unter anderem mit dem Produzenten und Tonveredler Jörg-Rainer Friede und Coverdesign-Zauberin Grit M. Wolff (kittyfix design), die er in seiner Ansprache dem Publikum auch vorstellte. Ferner erzählte JUB einiges über sein Plattenlabel und die Philosophie, die dahinter steckt. Ihn störte es immer, wie lieblos in den Neunzigern die Musik seiner Jugend wieder veröffentlicht und in Umlauf gebracht wurde. Er wollte dies besser machen und gründete deshalb sein Label ROKKfilm. Auch wir haben bei Deutsche Mugge schon über viele Publikationen dieses Labels berichtet und immer wieder feststellen können, dass die Platten aus diesem Hause echte Kunstwerke sind. Sie sind mit viel Liebe zum Detail gestaltet, bringen zudem in mehrseitigen Booklets alle wichtigen Infos zum Produkt mit, und sind von ihrer Gestaltung echte Hingucker. Dass sie zudem wunderbare Musik mitbringen, die ebenso in liebevoller Kleinarbeit klanglich restauriert wurde, muss, so glaube ich, nicht extra erwähnt werden. Auch die beiden neuen Publikationen, die am Samstag vorgestellt wurden, bringen all das mit.

Allein die Platte der TBA-Combo ist ein fettes Brett. Auf der einen Seite der Vinylscheibe befindet sich die Musik, die die Macher von ROKKfilm aus den Archiven gehoben haben, und die B-Seite ist unbespielt, bringt aber eine mit Lasertechnik aufgebrachte Abbildung des Cover-Artworks mit. Genau so ideenreich gestaltet sich auch der Sound auf der Platte, für den der eben schon erwähnte Jörg-Rainer Friede einmal mehr verantwortlich zeichnete. Er hat sich an die alten Aufnahmen herangemacht und sogar einzelne Instrumente mit der heute zur Verfügung stehenden Technik besser in Szene gesetzt. Auch darüber berichtete JUB in seiner Ansprache. Mir klingt noch eine Kritik im Ohr, die sich über die Preisgestaltung für der Platten von ROKKfilm zwischen all die positiven Stimmen mischte. Natürlich ist gerade die Schallplatte der TBA-Combo wahrlich kein Schnäppchen, aber wenn man sieht, wie viel Arbeit bis ins Kleinste in diesen runden Scheiben samt ihrer Verpackung steckt, kommt man eher zu dem Ergebnis, dass es sich um einen Freundschaftspreis handeln muss, für den die Scheiben abgegeben werden.

Gleiches gilt übrigens auch für die LP der Gruppe CRYSTAL, einer Heavy-Metal-Band aus DDR-Zeiten. Und hier dürfte Jörg-Rainer Friede die Arbeit an der Musik noch einen zusätzlichen Motivationsschub gegeben haben, denn er war damals in den Achtzigern Teil dieser Formation, und die Musik, die auf der Platte zu hören ist, hat er mit erschaffen. Hier diente ein privater Konzertmitschnitt auf Kassette als Quelle für die auf Seite A zu hörenden Lieder. Allein die Bearbeitung und Restauration dieser Lieder hat mehrere Wochen (!) in Anspruch genommen. Auf der B-Seite befinden sich zudem zwei Songaufnahmen aus den 80ern, die mit zusätzlichen Soli und Instrumentalparts ergänzt wurden, sowie zwei ganz neue Songs, die eigens für diese LP entstanden sind. Beide Publikationen lagen zusammen mit den anderen noch erhältlichen Scheiben aus dem Hause ROKKfilm auf einem großen Verkaufstisch in der Galerie, darunter die Dreier-LP-Box der Gruppe WIR, die LP von Chicoree und auch die von Christian Liebig, Holly Loose und mir im vergangenen Jahr veröffentlichte Maxi-CD "NiemandsHilfe", die für die Robert-Enke-Stiftung entstanden ist. JUB beendete seine Ausführungen mit dem Wunsch an alle Gäste, im Verlauf des Abends möglichst viel Spaß zu haben, zumal man auch Live-Musik mitgebracht hatte.


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Nicht nur als Vertreter der TBA-Combo, wo er während seiner Armeezeit mitspielte und auf deren Platte er letztlich auch zu hören ist, sondern insbesondere auch als erstklassiger Unterhalter war nämlich Gotte Gottschalk mit ins Rheinland gereist und hatte in einer Ecke der Galerie sein Instrumentarium aufgebaut. Ein Mikro, eine E-Gitarre, eine kleine akustische und allerlei Technik, die ihn bei seinem Vortrag unterstützen sollte, standen schon für seinen Auftritt bereit. Mit Technik meine ich insbesondere die Loop-Funktion, die es einzelnen Musikern ermöglicht, einen möglichst breiten Sound zu kreieren, sogar mehrstimmig zu singen und bei einem Vortrag fast wie eine große Band zu klingen. Und das tat Gotte in dieser gemütlichen Galerie dann schließlich auch. Er nahm auf seinem Stuhl Platz und begann sein Programm zu spielen.

Es war eine musikalische Biografie, die uns der Musiker dort präsentierte. Zwischen den Liedern, die er spielte, erzählte er dem anwesenden Auditorium seine Lebensgeschichte, die aufregender und erlebnisreicher nicht sein kann. Beginnend in den Sechzigern mit seiner Gruppe SPOTLIGHTS (später RAMPENLICHTER), in der er unter anderem auch mit Jürgen Kerth spielte, weiter zu den NAUTIKS, von denen es bei ROKKfilm übrigens auch schon eine eigene LP gibt, und natürlich auch über die TBA-Combo bis hin zu seiner Zeit in der Horst-Krüger-Band, bei NEUE GENERATION und als Solist führte er uns kurzweilig zu allen Stationen seiner bisherigen Karriere. Und diese verlief nicht geradlinig, in keinster Weise. Immer wieder Probleme mit dem Staat, mit Verboten, mit Repressalien und letzten Endes mit der Ausreise aus der DDR in die Bundesrepublik. Völlig unaufgeregt saß der inzwischen 78-jährige Musiker auf seinem Stuhl, spielte auf Gitarre und Mundharmonika und sang für das hiesige Publikum überwiegend komplett unbekannte Lieder - so beeindruckend gut, dass immer wieder tosender Applaus aufbrandete.

Lieder wie "Traum vom Baum" von einer Soloscheibe kamen dabei ebenso zum Vortrag wie die "Tagesreise" der Horst-Krüger-Band, "Wir gehen am Meer" von den NAUTIKS oder seine Version von "Boat on the River", das im Original von der Gruppe STYX stammt und, um Lizenzgebühren sparen zu können, für das DDR-Label AMIGA damals von ihm neu eingespielt werden musste. Was Gotte dem Publikum in Bensberg bot, war nichts anderes als eine Geschichtsstunde, ein Programm, das es wert ist, vor Schülern aufgeführt zu werden. Es verbindet die Fächer Kunst und Geschichte, und bringt eine ganze Menge wertvoller Informationen für die Jugend mit. Was er in seiner Karriere erlebt hat, kann man sich heute kaum noch vorstellen, und insbesondere junge Menschen sollten davon erfahren, wie schwer es mal war, auf die Bühne zu gehen und seine Kunst zu präsentieren, welche Unwägbarkeiten es gab und wie viel Arbeit darin steckt, eigene Musik zu machen - und dass dies nicht jedem gelang.

Gotte hatte zur Entstehung jedes von ihm vorgetragenen Liedes zusätzlich eine kleine Geschichte parat. Besonders hervorheben möchte ich hier zum Beispiel die Beschreibung seines Weges, wie er zur Horst-Krüger-Band kam und was er dort erlebte, zum Beispiel, dass der spätere Karat-Gitarrist Bernd Römer, der ihn als Jugendlicher live auf der Bühne erlebte und toll fand, Gotte später in die Band holte, in der er spielte, und dass er wiederum die ganz junge Tamara Danz, die später mit Silly erfolgreich sein sollte und die er bereits mit 12 Jahren als Talent entdeckte, dorthin holte - und auch, wie diese Band am Ende leider zerbrach. Spannende Geschichten, toll arrangierte Lieder, die er mit seiner Art, sie vorzutragen, allesamt ganz wunderbar von früher ins heute transportiert hat. Der große Applaus und das Interesse der Leute auch hinterher waren der gerechte Lohn für das, was er uns bei dieser Veranstaltung exklusiv geschenkt hat.


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So nahmen auch viele Besucher der Vernissage die Gelegenheit wahr, mit dem Zeitzeugen noch ein paar Worte zu wechseln und sich die eben frisch erworbene TBA-Combo-LP signieren zu lassen. Die Record-Release-Veranstaltung samt Vernissage von CROW in Bensberg war ihre Reise absolut wert. Es war ein wunderbares Ambiente, ein sehr gemütlicher Laden und eine warme und freundschaftliche Stimmung. Ich persönlich traf viele Leute, mit denen ich bisher nur aus der Entfernung zu tun hatte, unter anderem die wunderbare Grit M. Wolff, die nicht nur unser Cover vom Christian-Liebig-Projekt so herrlich gestaltet hat, sondern sicher auch in Zukunft noch ein paar Plattencover für meine Sängerin Lisa anfertigen wird, und eben auch Jörg-Rainer Friede, mit dem ich mich dann prompt für ein Interview in der kommenden Woche verabredet habe, das ihr hier bald auf Deutsche Mugge lesen könnt. Und natürlich auch JUB, der uns jetzt seit zweieinhalb Jahren mit seinem Label ROKKfilm immer wieder in Erstaunen versetzt, was er aus Archiven, Musikerschubladen und anderen geheimen Orten herausholt, um es letzten Endes den noch lebenden Fans dieser Musik erstmals auf Schallplatte zugänglich zu machen. Ich bedanke mich, dass wir dabei sein durften, und für einen wirklich herzerwärmenden Abend.
 
Reklame: Die beiden vorgessellten Platten gibt es HIER






Fotostrecke:
 




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