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POLIS: "Pilger" (Album)

polis2026 0 20260619 1693241467VÖ: 22.05.2026; Label: Sireena Records; Katalognummer: 4260182982648 (CD), 4260182988848 (LP); Musiker: Christian Roscher (Gesang), Christoph Kästner (Gitarren, Gesang), Marius Leicht (Tasteninstrumente, Gesang), Andreas Sittig (Bassgitarren, Gesang), Sascha Bormann (Schlagzeug, Gesang); Gäste: Sophia Rasche, Floortje Beljon (beide Violine), Marie Schutrak (Viola), Franziska Ludwig (Cello), Carl Christian Wittig (Kontrabass), Lydia Groth, Vanessa Röger, Lucia Wilczek (alle Chor-Gesang); Bemerkung: Das Album ist auf CD und Schallplatte erschienen;

Titel:
"Der Kreis“, „Der Berg“, „Die Einsamkeit“, „Das erste Leuchtfeuer“, „Weltenwinter“, „Pilger“, „Reprise“


Nach dem ersten Hören der sieben Titel fällt direkt auf, dass „Pilger“ kein Album für den schnellen Konsum ist. Die Platte setzt auf lange Spannungsbögen, großzügige Instrumentalpassagen und eine ausgeprägte Atmosphäre. In Sachen Instrumente hat man hier das große Besteck ausgepackt. So hat man unter anderem auch einen Damenchor und echte Streicher ebenso ins Studio gelockt, wie eine Hammond B3 hinein geschoben, am Moog herumgespielt und ab und an auch zur Akustikgitarre gegriffen, um Inhalte, die sich u.a. mit Hoffnungen und Sehnsüchten, Optimismus und Bedenken, aber auch Angst und Liebe beschäftigen, sachgerecht und überhaupt nicht der Masse sondern nur echten Feinschmeckern gefallen wollend in Szene zu setzen. Mit einer Gesamtspielzeit von fast 46 Minuten und zwei epischen Stücken jenseits der 10-Minuten-Marke bewegt sich Polis klar im Spannungsfeld zwischen Progressive Rock, Psychedelic Rock und deutschsprachiger Art-Rock-Tradition. Hier noch ein bisschen Krautrock, dort auch ein bisschen Bombast, noch eine Prise Blues, und schon ist alles für eine Achterbahn der Gefühle angerichtet …

Mit ihrem vierten Studioalbum „Pilger“ schlagen die Plauener von Polis einen Weg ein, der sich bewusst gegen die Hektik der Gegenwart stellt. Die Band beschwört tatsächlich jene „Neue Deutsche Romantik“, von der im Pressetext die Rede ist, ohne dabei nostalgisch oder rückwärtsgewandt zu wirken. Stattdessen entsteht eine eigenständige Mischung aus kraftvollem Rock, psychedelischen Klanglandschaften und poetischer Innerlichkeit.

Bereits der Opener „Der Kreis“ eröffnet die Reise mit einer eindrucksvollen Dramaturgie. Die Band nimmt sich Zeit, Motive aufzubauen und entwickelt daraus eine dichte Klangwelt, in der sich Gitarren, Keyboards und Rhythmusgruppe organisch verzahnen. Die Musik wirkt dabei nie überladen, sondern verfolgt konsequent den Gedanken des musikalischen Erzählens und der farbenfrohen Darstellung in Noten.
„Der Berg“ setzt stärker auf Vorwärtsbewegung und besitzt eine unmittelbare Energie. Hier zeigt sich die Band als geschlossene Einheit: Christoph Kästners Gitarrenarbeit und die Keyboardflächen von Marius Leicht ergänzen sich hervorragend, während Andreas Sittig und Sascha Bormann für ein solides Fundament sorgen.
Zu einem der Höhepunkte des Albums zählt „Die Einsamkeit“, mit über neun Minuten zugleich eines der ambitioniertesten Stücke. Der Song lebt von Kontrasten zwischen ruhigen Phasen, nachdenklichen Passagen und kraftvollen Ausbrüchen. Gerade hier wird deutlich, wie sehr Polis auf Atmosphäre und emotionale Entwicklung setzt, anstatt auf einfache Refrain-Hooks.
Mit „Das erste Leuchtfeuer“ erhält das Album eine etwas direktere, rockigere Note. Die Komposition verbindet Eingängigkeit mit genügend musikalischen Details, um auch bei wiederholtem Hören neue Facetten zu offenbaren.
Der melancholische „Weltenwinter“ gehört zu den dunkelsten Momenten des Albums. Die Band erzeugt hier eine eindringliche Stimmung, die den romantischen Grundgedanken der Platte besonders deutlich werden lässt: Sehnsucht, Vergänglichkeit und innere Suche stehen im Mittelpunkt. Manchmal kann Dunkelheit auch Heilung bedeuten, so wie hier.
Das über zehn Minuten lange Titelstück „Pilger“ bildet den emotionalen und konzeptionellen Kern des Albums. Hier verdichten sich die musikalischen und thematischen Ideen der gesamten Platte. Die Komposition entwickelt sich in mehreren Abschnitten und besitzt beinahe eine rituelle Qualität. Statt auf schnelle Höhepunkte zu setzen, entfaltet sich der Song langsam und gewinnt gerade dadurch seine Wirkung.
Die kurze „Reprise“ beschließt die Reise schließlich wie ein Epilog. Sie greift die Atmosphäre des Albums noch einmal auf und sorgt für einen stimmigen Ausklang.

Polis bewegen sich auf „Pilger“ in einem Spannungsfeld, das an klassische deutsche Progressive-Rock-Traditionen erinnert, ohne diese lediglich zu kopieren. Elemente von Psychedelic Rock, Art Rock und Progressive Rock verschmelzen mit deutschsprachigen Texten zu einem eigenständigen Klangbild. Besonders positiv fällt die dynamische Gestaltung auf: Viele Stücke leben von langsamen Steigerungen und einem bewussten Umgang mit Spannung und Raum. Sänger Christian Roscher trägt die Texte mit Überzeugung und der nötigen Ernsthaftigkeit vor. Seine Stimme dient weniger als reines Melodieinstrument, sondern als erzählende Instanz innerhalb der musikalischen Landschaften.

Will man ein Fazit ziehen bleibt festzuhalten, dass „Pilger“ ein Album für Hörer ist, die sich Zeit nehmen möchten. Polis verweigern sich bewusst dem Zeitgeist der schnellen Aufmerksamkeitsspanne und setzen stattdessen auf Atmosphäre, Tiefgang und musikalische Entwicklung. Die Platte wirkt geschlossen, durchdacht und konsequent umgesetzt. Wer progressive Rockmusik mit deutschsprachiger Poesie und romantischer Grundstimmung schätzt, dürfte hier eine der interessantesten Veröffentlichungen des Jahres im deutschsprachigen Underground entdecken. Kurz: Ein atmosphärisches, mutiges Album, das seine Stärken vor allem im aufmerksamen Hören entfaltet.
(Christian Reder)





Seh- und Hör-Bar:







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