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Titel: Interpret: Label: VÖ: Titel: |
"Lust" Polina geht! 4mpo / Intergroove 5. April 2013 1. Grüne Melonen 2. Sehnsucht 3. Aufbruch 4. Scherben 5. 1000 Chancen 6. Kompromisse 7. Silbergrau 8. Hatzart 9. Abschied 10. Lust 11. Hochzeit der Steine |
Neue Töne braucht das Land
Richtig viel weiß man über POLINA GEHT! noch nicht. Um sich deren Musik anzuhören, ist das auch erst mal gar nicht wichtig. Ein Blick aufs Cover verrät, dass POLINA GEHT! ein Quartett aus einer Sängerin und drei männlichen Musikern ist. Und siehe da... Man trifft sogar alte Bekannte wieder, denn bei POLINA GEHT! greift Andreas Schmid-Martelle in die Saiten der Gitarre. Jener Andreas Schmid-Martelle, der Ende der 80er bis etwa Mitte der 90er für den markanten Sound bei der JULE NEIGEL BAND verantwortlich war. Neben ihm und Sängerin Bettina Steingass hören wir noch Roland Grosch am Piano. Darüber, wer für die anderen Töne im Studio verantwortlich war, erfahren wir erst mal nichts. Als ich die CD aus der Tagespost fingerte, stolperte ich als erstes über den doch recht seltsam anmutenden Bandnamen. Sehr eigenwillig, denn normalerweise müsste es doch POLINA KOMMT! heißen. Schließlich legt die junge Kapelle mit "Lust" gerade ihr Debüt-Album vor. Da will man doch nicht gleich wieder gehen... Aber Namen sind ja bekanntlich Schall und Rauch, darum hören wir uns die Songs dieser CD doch einfach mal in Ruhe an.
Die Scheibe wird mit dem Stück "Grüne Melonen" gestartet (siehe Video am Ende dieser Seite). Als erstes fällt der chillige 80er-Jahre Sound auf. Elektronisch zwar, aber mit einer leckeren Gitarre versetzt. Der Beat sorgt umgehend dafür, dass die Beine nicht still halten wollen. "Wir reisen mit leichtem Gepäck", heißt es im Text, aber von leichtem Gepäck kann hier musikalisch überhaupt keine Rede sein. Diese Mischung aus Clubsound, 80er Pop-Perle und experimenteller Elektronik zündet umgehend. Über all dem thront die entspannte, manchmal verführerische und sirenenhaft klingende Stimme der Sängerin Bettina Steingass. Sie und die Musik haben mich umgehend erwischt, ich komm schon von dem ersten Song nicht mehr los, der gleich zu Beginn munter seine vier Runden im Player gedreht hat. Und nicht nur von diesem fällt die Trennung am Ende schwer. Auch in den übrigen Titeln überzeugt die zarte und viele Emotionen transportierende Stimme der Sängerin. Mal Elfen-gleich, mal hauchend verführerisch transportiert sie die Inhalte der Lieder, für die sie, zusammen mit Matthias Steingass, verantwortlich ist.
Der Opener des Albums hat also schon mal voll rein gehauen... Ob diese enorm hohe Qualität im Verlauf der CD gehalten werden kann? Sie kann... Leise Piano-Klänge und eine Bass-Figur lassen "Sehnsucht" entstehen. Der eben noch treibende Beat ist einem entspannten Gemisch aus Percussion und Schlagzeug gewichen. Chillout-Music würde man sowas wohl bezeichnen, was hier zu hören ist. Der vorherige Song hat zwar auch diese Bestandteile, ist vom Rhythmus her aber viel zu schnell, um zum "Chillen" einzuladen. Dieser hier tut es. Und wieder sorgt Bettina Steingass gehörig mit dafür, dass das Stück funktioniert. Ihr Gesang in Verbindung mit dem Hauch von Jazz, vermischt mit exzellenter Elektronik und einer funkig gespielten Gitarre, lässt "Sehnsucht" zu einer wahren Perle deutscher Popmusik werden.
"1000 Chancen" ist ein weiterer Song, der die eben schon beschriebenen Qualitäten aufweist. Diese Monotonie im Arrangement in Verbindung mit Bettina Steingass Gesang haben das Zeug, einen in Trance zu versetzen. Dabei bitte ich das Wort "Monotonie" nicht misszuverstehen. Das ist gar nicht negativ gemeint, denn sie ist ein wichtiges Element in dem Stück. Die braucht es nämlich, damit das Lied seine volle Wirkung entfalten kann. Aber diese Monotonie bliebt auch nicht über die volle Distanz des Songs da, denn im Mittelteil und am Ende bekommt man jazzige Anflüge zu hören, die einen irgendwie bis zurück in die 70er katapultieren. Das hat was von Artrock der damaligen Zeit, der hier ganz exzellent mit der neuen Musizierweise des nächsten Jahrtausends in Verbindung gebracht wird. Nennen wir es doch gleich Artrock 2.0, der herrlich erfrischend und gleichzeitig seltsam auf mich wirkt. Seltsam, weil völlig ungewohnt, aber höchst interessant.
Mit "Kompromisse" versetzt uns die Band dann gleich wieder in Erstaunen. Das ist Jazz pur, gewürzt mit einer ganz großartig gespielten Rockgitarre. Und dann wieder diese Gesangsstimme von Bettina Steingass. Beim ersten Hören habe ich überhaupt nicht auf den Text achten können, denn ich war vom Arrangement komplett abgelenkt. Unglaublich, welche Power dieses Stück hat und wie spielend leicht die Band es schafft, musikalische Gelassenheit mit der Urgewalt der von Schmid-Martelle gespielten Gitarre zu verbinden. Ein Hammersong!
Im Stück "Hartzart" überrascht die Kapelle mit einem lupenreinen Reggae und macht damit einmal mehr deutlich, wie viele Spielarten sie beherrscht und im Stande ist, zeitgemäß und "zukunftsweisend" in Liedform abzuliefern. Wieder ist in dem Stück eine wirklich starke Gitarre zu hören.
Die Gitarre kommt auch in "Lust" einmal mehr zum Einsatz. Damit startet der Song, der wieder mit einem flotten Beat für Zuckungen in den Gliedmaßen sorgt. Man kann sich hier wieder nicht wehren. Es kommt von selbst und selbst Tanzmuffel wie ich bekommen plötzlich Bock drauf. Auch "Lust" bringt wieder feine Anflüge des Jazz mit, die ganz appetitlich mit Clubsound und Rockelementen verbunden wurden. Ein Anwärter für eine Single-Auskopplung, denn er birgt alle Stärken die es braucht, um beim Radiopublikum anzukommen. Aber eben auch nur ein Anwärter von Elfen.
Elf ist die Zahl der Songs, die auf der CD zu finden sind. Und es gibt weitere Perlen, auf die ich an dieser Stelle nicht näher eingehen möchte, und die der interessierte Leser dieser Zeilen bitte selbst entdecken möge. Das "Album" Lust überzeugt von vorne bis hinten mit ausgefeilten und phantasiereichen Songideen, die von der Band richtig gut in Musik umgewandelt wurden. Es gibt für meinen Geschmack keinen Titel, der in irgendeiner Form Schwächen aufweist. Sogenanntes Füllmaterial, um genug Songs für dem Album zu haben, kann ich hier nicht entdecken.
"Bei POLINA GEHT! schließen sich Eingängigkeit und Anspruch nicht aus", heißt es im Pressetext, und besser könnte ich das Fazit am Ende dieser Rezension auch nicht ziehen. Wenn ich nur mit ganz wenigen Worten sagen sollte, was ich auf "Lust" höre, dann würde ich es als "intelligente Pop-Musik, stellenweise mit Tanzqualität, aber garantiert immer mit Tiefgang" beschreiben. Damit wir uns nicht missverstehen: Wir reden hier nicht vom Disko-Gehämmer bzw. Dancefloor, sondern schon von echter elektronischer Musik. Die Band zeigt sich experimentierfreudig, und die Ideenvielfalt - auch in den Texten - macht richtig großen Spaß. Der eine oder andere mag sich vielleicht an der sich wenig verändernden Gesangsweise von Bettina Steingass stoßen, aber sie ist ein wichtiges Elemente bei dieser Musik, die extrem viele Chillout-Elemente und moderne Elektroniksounds beinhaltet. Trotzdem ist das eine der wohlklingendsten und angenehmsten Stimmen in der deutschen Musiklandschaft. Ich habe es im Text schon einmal geschrieben: Das ist zukunftsweisende Musik. POLINA GEHT! dürfte die Zukunft gehören. Es würde mich nicht wundern, wenn wir nicht zum letzten Mal von ihnen gehört haben. POLINA GEHT! ist der Szene mit ihrer Vorstellung von moderner Popmusik um Jahre voraus. So eigenwillig, wie der Bandname ist, so eigenwillig ist auch die Musik. POLINA GEHT! geht wirklich - mehr noch: POLINA HAUT UM!
(Christian Reder)
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