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Dieter ‚Maschine' Birr: "Intim" (Album)

birr01 0 20260115 1401255069VÖ: 1986; Label: AMIGA (DDR); Katalognummer: 8 56 189, Musiker: Dieter "Maschine" Birr (Gesang, Gitarre, Bass, Drum-Computer, Keyboard), Sylvia Birr (Gesang), Michael Barakowski (Gesang), Fritz Puppel (Gitarre), Bernd Römer (Gitarre), Peter Rasym (Bassgitarre), Ulrich "Ed" Swillms (Keyboard), Rainer Oleak (Keyboard), Lothar Kramer (Keyboard), René Decker (Saxophon); Produzent: Karl Heinz Ocasek; Bemerkung: Im Erscheinungsjahr bei AMIGA in der DDR als LP und Musikkassette veröffentlicht;

Titel:
Seite 1: "Intim", "So Ist Das Leben", "Und Sie Trinken Ihr Bier", "Prinzenjagd", "Siebenschläfer", "Unser Kind"
Seite 2: "Liebesfantasie", "Eine Frei Erfundene Geschichte", "Eingehängt (Duett Für Zwei Telefonisten)", "Mädchen Aus Amsterdam", "Göttin Der Liebe"


Rezension:


Hintergrund & Kontext
Das Jahr 1986 war für Dieter Birr ein besonderes in seiner Karriere: Damals erschien sein erstes Soloalbum. Er war Hauptkomponist, Sänger und Motor der legendären Rockband Puhdys, die seit den frühen 1970ern die DDR-Rockszene maßgeblich geprägt hat. Parallel zur Band unternahm er mit "Intim" einen Solo-Ausflug. Es war ein Projekt, das sich bewusst vom kollektiven Bandkontext löst. Dass "Intim" gerade in diesem Jahr erscheint, ist kein Zufall: Die zweite Hälfe der Achtziger ist geprägt von politischen Spannungen, gesellschaftlichen Umbrüchen und einer zunehmenden Öffnung der Musikproduktion in der DDR. Soloarbeiten etablierter Bandkünstler werden möglich - und Birr nutzt diese Chance, sich persönlich, nach innen gewandt und lyrisch direkter auszudrücken als im Bandkontext. Trotz dieser Relevanz gilt "Intim" als kommerziell nicht übermäßig erfolgreich, zumindest im Vergleich zu späteren Werken und den Puhdys-Alben.

Musikalische Gestaltung und Songwriting
Das Album präsentiert eine vielfältige Rock- und Pop-Sprache, die sich eng am klassischen Songwriting orientiert, aber gleichzeitig Raum für kleine Experimente lässt - sowohl in der Instrumentierung als auch bei den Arrangements. Birr komponierte alle Stücke selbst, und die Texte stammen ebenfalls aus seiner Feder. Damit ist "Intim" weniger ein Rock-Statement als vielmehr ein persönliches Liederbuch, in dem Beziehungen, Lebenserfahrungen und Alltagserlebnisse im Zentrum stehen.


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Song-Highlights und Tonalität:

• "Intim"
Der Titelsong ist programmatisch und bewusst zurückgenommen. Musikalisch bewegt sich das Lied im Midtempo, getragen von einer warmen Rhythmusgruppe und unaufdringlichen Gitarrenlinien. Kein Stadion-Rock, kein Refrain zum Mitsingen - stattdessen Nähe und Kontrolle. Textlich formuliert Birr hier sein Credo: Offenheit, Verletzlichkeit, Zwischenmenschlichkeit. Ein solcher Song wäre im klassischen Puhdys-Kontext kaum denkbar gewesen. Dort dominieren größere Bilder, kollektive Perspektiven. "Intim" ist konsequent Ich-bezogen, fast tagebuchartig. Musikalisch hingegen ist das Lied unüberhörbar mit der Puhdys-Handschrift versehen.

• "So ist das Leben"
Ein klassischer Erfahrungs-Song, fast schon ein musikalisches Schulterzucken. Die Harmonien sind schlicht, der Groove angenehm erdig. Besonders auffällig: Birrs Gesang ist weniger "Rockröhre", mehr erzählerisch. Textlich geht es um Akzeptanz, um das Annehmen von Widersprüchen - ohne Pathos. Thematisch nah an Puhdys-Songs wie "Wenn ein Mensch lebt", aber ohne dessen hymnische Größe. Hier spricht nicht die Band für viele, sondern ein Mann über sich selbst.

• "Prinzenjagd"
Der wohl poppigste und am stärksten am New Wave angelegte Song auf dem Album. Deutlich ist der Einfluss des Bassisten Peter Rasym, dessen Spiel man genau so schon bei der Stern-Combo Meißen und später bei DATZU geschätzt hat, in den Vordergrund gerückt worden. Inhaltlich geht es um eine selbstbewusste Frau, die weiß, was sie will. Nicht auf einen Mann festgelegt, genießt sie das Leben und "killt" Männer reihenweise. Ein weiteres Stück auf diesem Album, das sich klar vom Puhdys-"Repertoire" entfernt.

• "Unser Kind"
Eines der emotionalen Zentren des Albums. Die Instrumentierung ist bewusst reduziert, fast balladesk, ohne süßlich zu werden. Birr verzichtet auf große Steigerungen - die Wirkung entsteht durch Zurückhaltung. Textlich bemerkenswert offen für DDR-Verhältnisse: Vatersein, Verantwortung, Zukunftsfragen - ohne ideologische Überhöhung. Familienthemen tauchen bei den Puhdys hingegen selten so direkt auf. Das ist Privatsphäre, nicht Rock-Mythos.





• "Und sie trinken ihr Bier"
Ironisch, leicht sarkastisch, fast sozialbeobachtend. Musikalisch lockerer, mit einem leicht bluesigen Unterton. Der Song lebt von kleinen rhythmischen Akzenten und Birrs lakonischem Vortrag. Textlich ein Blick auf Alltagsrituale, Gewohnheiten, Stillstand. Hier nähert sich Birr dem Beobachter-Modus, den die Puhdys nur selten pflegen. Keine Helden, keine großen Gesten - nur Menschen. An den Keyboards ist hier kein Geringerer als Ulrich "Ed" Swilms von KARAT zu hören.

• "Mädchen aus Amsterdam"
Der "offenste" Song des Albums. Melodisch eingängig, fast poppig, mit einem Hauch von Fernweh und vermeintlicher Freiheit. Hinter dieser zunächst leicht wirkenden Oberfläche verbirgt sich jedoch ein Thema, das in der DDR offiziell nicht existierte: Drogenkonsum. Wahrscheinlich um nicht mit dem staatlichen Lektorat oder der Zensur in Konflikt zu geraten, wurde die Herkunft des Mädchens in die Niederlande verlegt - ein klassisches erzählerisches Ausweichmanöver jener Zeit. Die Protagonistin ist damit keine DDR-Bürgerin, sondern eine Figur "von außen", wodurch das Thema formal entschärft, inhaltlich aber keineswegs verharmlost wird. Im Gegenteil: Die Warnung vor den zerstörerischen Folgen des Drogenkonsums ist in diesem Song deutlich hörbar und richtet sich nicht an ein bestimmtes Land oder System, sondern an alle Menschen weltweit. Birr verzichtet auf moralischen Zeigefinger, zeichnet stattdessen ein stilles, beinahe beiläufiges Bild von Verlorenheit, Abhängigkeit und innerer Leere - gerade diese Zurückhaltung verstärkt die Wirkung. Ob ein derart klares Thema bis dahin im Repertoire der Puhdys bereits aufgegriffen wurde, ist zumindest fraglich. Erst in späteren Jahren näherte sich die Band vergleichbaren gesellschaftlichen Problematiken an. Insofern markiert "Mädchen aus Amsterdam" innerhalb von "Intim" einen bemerkenswert mutigen Moment, der zeigt, wie Birr im Solokontext Themen ansprach, die im Bandrahmen zuvor kaum oder gar keinen Platz hatten.

• "Eine frei erfundene Geschichte"
Das Lied gehört zu den stilleren, aber inhaltlich dichtesten Momenten auf "Intim" und zeigt Dieter "Maschine" Birr in einer Rolle, die ihm besonders liegt: als lakonischen Erzähler von Alltagsgeschichten derer, die es im Leben nicht immer leicht haben. In diesem Fall die eines ehemaligen Strafgefangenen, der wieder in Freiheit ist, und seinen Weg zurück ins Leben sucht. Musikalisch hält sich der Song bewusst zurück. Das Arrangement ist reduziert, fast spröde, und lässt viel Raum für Stimme und Text. Keine großen Hooks, kein aufdringlicher Refrain - stattdessen eine Atmosphäre, die eher beobachtet als kommentiert. Im Albumkontext fungiert "Eine frei erfundene Geschichte" als ruhiger Reflexionspunkt.

Arrangements & Stilistik
Die Arrangements sind klassisch-rockorientiert, aber nicht überproduziert - vielmehr setzen sie auf Direktheit und Klangklarheit: Gitarre, Bass, Drums und Birrs Gesang stehen im Vordergrund, oft unterstützt durch subtile Keyboard- oder Gitarrenakzente. Das wirkt ehrlich und zugänglich, ohne übertrieben-pompös zu sein. In manchen Momenten erinnert der Sound an typischen Puhdys-Rock mit Singer/Songwriter-Tendenzen: kraftvoll, aber bodenständig, melodisch. Der auf dem Album verwendete Schlagzeug-Sound findet sich übrigens auch auf dem zuvor erschienenen Puhdys-Album "Ohne Schminke" und später bei den Songs der Gruppe Rosalilli (bei der bekanntlich Birs Sohn mitspielte) wieder.





Feinheiten/Besonderheiten
"Intim" ist weniger rockig, weniger hymnisch. Das Album hat kaum Chöre, kaum große Refrains. Der Fokus liegt auf Songstruktur, Text und Stimme. Textlich ist das Album konsequent in der Ich-Perspektive angelegt. Es gibt keine kollektiven Botschaften, aber reichlich Alltag, Beziehungen und Selbstreflexion. "Intim" ist kein Gegenentwurf zu den Puhdys, sondern eine Verdichtung dessen, was dort keinen Platz hatte.

Stärken und Schwächen
Die Stärken von "Intim" sind seine authentische, persönliche Songwriting-Qualität, die klaren, unaufgeregten Arrangements, die den Fokus auf das Material legen, sowie der Fakt, dass die Songs thematisch reif, reflektiert und oft berührend sind. Seine Schwächen sind im Vergleich zu späteren, kommerziell erfolgreicheren Werken Birrs zu finden. "Intim" wirkt stilistisch weniger innovativ, eher aus dem Rock-Pop-Mainstream der Zeit heraus gearbeitet.

Fazit
"Intim" ist das leise Gegenstück zum Puhdys-Œuvre: kein Denkmal, kein Rock-Manifest, sondern ein ehrliches, erwachsenes Soloalbum, das genau deshalb bis heute Bestand hat. Es dokumentiert einen Moment des künstlerischen Selbst-Ausdrucks für Birr außerhalb der Puhdys und zeigt, wie ein gestandener Rockmusiker persönliche und musikalische Facetten jenseits des Bandkontexts auslotet. Damit ist es mehr als nur ein Nebenprojekt: Es ist ein Stück Biographie, eingefangen im Sound der 80er und tief verwurzelt im Leben eines der wichtigsten Köpfe der DDR-Rockmusik. Der Titel "Intim" ist deshalb nicht nur ein Titel - er ist als programmatisches Statement zu verstehen: Birr nutzt das Medium Soloalbum, um direkter, emotionaler, verletzlicher zu sprechen als im Bandkontext. Wer bei den Puhdys schon damals der kreative Kern war, ist diesem Album aber deutlich abzulesen. Wenn die Puhdys das öffentliche Gesicht Dieter Birrs sind, dann ist "Intim" sein Spiegel.

Das sagt Maschine zu "Intim"
Ich bezeichne das Album aus heutiger Sicht fast schon als Jugendsünde (lacht). Ich war damals noch 40 Jahre jünger als heute und hatte zusammen mit Peter Meyer ein Demostudio. Dort habe ich einfach ein bisschen herumgebastelt, unter anderem mit einem Drum-Computer und allem, was damals so möglich war. Besonders habe ich mich darüber gefreut, dass ich viele namhafte Kollegen dafür gewinnen konnte, mit mir zusammen dort zu arbeiten, zum Beispiel Rainer Oleak, Peter Rasym, Lothar Kramer, Michael Barakowski, René Decker und natürlich auch Ed Swillms.


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An seinen Besuch bei mir kann ich mich noch genau erinnern. Ich hatte ihn damals abgeholt, und er hatte so großen Hunger, dass meine Frau ihm erst mal ein paar Spiegeleier gemacht hat. Den Titel "Siebenschläfer" hat er danach ohne Tricks und ohne Technik einfach live eingespielt. Solange, bis er für ihn perfekt war. Wir hatten so viel Spaß. Bei "Und sie trinken ihr Bier" hat er auch mitgespielt. Diese Nummer entstand unter dem Eindruck unserer PUHDYS-Tourneen in der CSSR. Dort war es damals so, dass sie eine Art Zwischending zwischen Bar und Restaurant hatten. Da konnte man abends auch zu später Stunde noch hingehen, gemütlich Bier trinken, noch etwas essen und einer Liveband zuhören. Dort wurde getanzt und es gab auch immer ein paar Typen, die schon angetrunken waren und versuchten, eine Frau aufzureißen. So etwas gab es in der DDR nicht. Bei uns hatten zu später Stunde immer nur noch Nachtbars geöffnet, wo es allerdings kein Bier gab. Dort musste man immer ein Herrengedeck bestellen, um ein Bier trinken zu können. Zum Herrengedeck gehörten immer ein Sekt und ein Bier. Ich glaube, sie wollten damit vermeiden, dass du dich in der Bar volllaufen lässt, denn Bier war ja nicht teuer. Das hat mich immer sehr geärgert. Von dem, was wir in der CSSR erlebt haben, war ich ziemlich angetan, und das hat mich letzten Endes dazu gebracht, dieses Lied zu schreiben.

Interessant ist auch noch Folgendes: Für den Rundfunk sollte aus dem Album ein Song ausgekoppelt werden. Ich dachte da sofort an "Eine frei erfundene Geschichte". Das fanden die von oben aber gar nicht so gut und meinten: "Dieses Problem haben wir in der DDR gar nicht." Dabei hatte das Lied gar nichts mit der DDR zu tun, sondern es ging um einen Typen, der auf die schiefe Bahn geraten war und am Ende wegen guter Führung früher entlassen wurde - eigentlich eine positive Botschaft. Erschwerend kam hinzu, dass ich das Lied in der Ich-Form gesungen habe, also "Ich hab im Knast eine Menge verpasst …". Es ging in dem Lied also um mich und nicht um eine andere Person. Das fanden sie auch nicht gut. Neben meinem Lied ging es auch noch jeweils um einen Song der Gruppen Rockhaus und Berluc, die ebenfalls auf dem Index standen. Peter, der ja auch einem Komitee angehörte, und ich sind dann zum Rundfunk gegangen. Peter hat sich immer gern auch für andere eingesetzt. Wir haben dann alles versucht, diese Lieder frei zu bekommen. Das ist für Rockhaus und Berluc gelungen - diese Lieder durften am Ende im Rundfunk gespielt werden. Für mein Lied haben all die Bemühungen leider nichts gebracht. Ein lustiges Detail ist aber, dass das Westplattenlabel Pool "Eine frei erfundene Geschichte" am Ende dann als Single veröffentlicht hat.



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