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electra: "Augen der Sehnsucht" (Album)

lp07 20170630 2057481277VÖ: 1985; Label: AMIGA; Katalognummer: 856155 (LP), 056155 (MC); Musiker: Manuel von Senden (Gesang), Gisbert Koreng (Gesang, Gitarre), Wolfgang Riedel (Bass, Background-Gesang), Andreas Leuschner (Keyboards), Bernd Aust (Saxophon, Flöte, Keyboards, Background-Gesang), Dietmar Stephan (Schlagzeug, Percussion); Produzent: Luise Mirsch; Bemerkung: Dieses Album ist bei AMIGA im Jahre 1985 auf Schallplatte und Kassette erschienen. Ferner ist es auch in Polen beim Label TomZo auf Kassette aufgelegt worden. Eine Veröffentlichung auf CD erfolgte erst im Jahre 2004 und auch nur im Verbund mit allen anderen Alben in der Komplett Box "Die Original AMIGA-Alben";

Titel:
LP 1: (Studio Produktionen) "Vier Milliarden", "Nie zuvor", "Augen der Sehnsucht", "Wieder mal fliegen", "Brücke durch die Nacht", "In der Stunde der Glut"
LP 2: (Live am 6.3.1985 in Greiz) "Unterwegs nach Hause", "Stadtlandschaft", "Abends in der Stadt", "Die letzte Nacht", "Der Musikant", "Epilog"


Als Electra Mitte der Achtziger "Augen der Sehnsucht" vorlegte, hatte die Band längst eine beachtliche Entwicklung hinter sich. Die einst stark vom Progressive Rock geprägte Formation war im Sound der Gegenwart angekommen, ohne ihre musikalischen Wurzeln vollständig zu kappen. Genau dieses Spannungsfeld macht das Album interessant: Auf der einen Seite stehen kompakte, melodische und deutlich von den Klangfarben der Achtziger geprägte Studiosongs, auf der anderen ein live eingespielter Zyklus, bei dem wieder stärker jene anspruchsvolle und experimentierfreudige Seite zum Vorschein kommt, für die Electra seit jeher bekannt war.

Die Band spielte "Augen der Sehnsucht" in der Besetzung Wolfgang Riedel an Bass und Backgroundgesang, Dietmar Stephan an Schlagzeug und Percussion, Gisbert Koreng an Gitarre und Gesang, Andreas Leuschner an den Keyboards sowie Bernd Aust an Saxophonen, Flöte und Keyboards, der außerdem Backgroundgesang beisteuerte. Dazu kam Manuel von Senden als Sänger, dessen markante hohe Stimme einige der Stücke entscheidend prägt. Produziert wurden die Studioaufnahmen von Luise Mirsch.

Schon der Auftakt "Vier Milliarden" macht deutlich, dass Electra trotz aller musikalischen Modernisierung nicht auf inhaltlichen Anspruch verzichten wollten. Ein längeres, sphärisches Intro aus Synthesizer-Flächen und elektronischen Klängen eröffnet das Album beinahe kosmisch, ehe Bass und Schlagzeug einen geradlinigen Midtempo-Rhythmus etablieren. Besonders Bernd Austs Saxophon setzt markante Gegenakzente zu den elektronischen Klangfarben. Inhaltlich geht es gleich ums große Ganze. Die Menschheit sitzt gemeinsam in einem Boot, die technische Entwicklung hat Entfernungen schrumpfen lassen, gleichzeitig schwebt über allem die Gefahr atomarer Vernichtung. Aus der eher erzählerisch angelegten Strophe entwickelt sich ein hymnischer, mehrstimmiger Refrain. "Vier Milliarden" ist Friedenslied und Warnung zugleich und gibt damit bereits ein Thema vor, das am Ende des Albums erneut aufgegriffen werden wird.
Mit "Nie zuvor" werden die Dimensionen zunächst kleiner und persönlicher. Glockenartige Keyboardtöne eröffnen eine melancholische Rockballade, bei der Manuel von Sendens hohe Stimme besonders gut zur Geltung kommt. Zwei Menschen stehen vor einer Zeit der Trennung, ohne deshalb ihre gemeinsame Zukunft infrage zu stellen. Die zunächst intime Atmosphäre wächst mit dem Refrain zu einer großen, mehrstimmigen Melodie heran. Gerade der Gegensatz zwischen den zurückgenommenen Strophen und dem breit angelegten "Nie, nie zuvor" macht den Reiz des Songs aus. Keyboards, Schlagzeugklang und elektronische Effekte verraten unmissverständlich das Entstehungsjahrzehnt, ohne dass die Ballade heute deshalb ihren Charme verloren hätte. Wer das Lied aufmerksam gehört hat weiß spätestens dann, warum es bei den vielen Wehrpflichtigen der Nationalen Volksarmee damals zu einer Hymne wurde.
Noch etwas kräftiger wird es beim Titelsong. "Augen der Sehnsucht" ist melodischer Rock der Achtziger mit breiten Keyboards, präsenter Gitarre und einem Refrain, der unmittelbar hängen bleibt. Erzählt wird von einer Begegnung am Freitagabend in einer Diskothek. Mitten im Lärm und Trubel treffen sich zwei Blicke, aus denen langsam gegenseitige Anziehung entsteht. Von Senden kann hier seine außergewöhnlich hohe Stimme voll ausspielen. Besonders die langgezogenen Rufe vor dem Refrain verleihen dem Stück Wiedererkennungswert. Wenn schließlich die "Augen der Sehnsucht" beide davontragen, öffnet sich das Arrangement zu einer kleinen Rockhymne.
"Wieder mal fliegen" beginnt dagegen fast schwerelos. Helle Synthesizer-Klänge und ein zunächst sanfter Gesang vermitteln das Gefühl, tatsächlich den Boden unter den Füßen zu verlieren. Dann setzt die Band ein, das Tempo zieht kräftig an und aus dem verträumten Anfang wird ein lebendiger Rocksong. Fliegen steht hier als Bild für Freiheit, Fantasie und den Wunsch, Zeit, Raum und Alltag hinter sich zu lassen. Interessant ist ein längerer instrumentaler Mittelteil, in dem Electra das enge Korsett eines gewöhnlichen Popsongs für einen Moment verlässt. Hier scheint die progressive Vergangenheit der Band deutlich durch.
Einen unüberhörbaren Ruhepunkt setzt anschließend "Brücke durch die Nacht". Weiche Keyboard-Flächen, glockenartige Töne und ein sehr zurückgenommenes Arrangement begleiten einen ungewöhnlichen Text über körperliche Liebe und den Kreislauf des Lebens. Zwei Liebende werden zu einer Brücke zwischen Vergangenheit und Zukunft, weil aus ihrer Verbindung neues Leben entstehen kann. Das Stück betrachtet Sexualität damit nicht vordergründig erotisch, sondern fast philosophisch. Gerade weil Electra auf große Soli und instrumentale Kraftmeierei verzichten, entfaltet die Ballade ihre Wirkung.
"In der Stunde der Glut" greift die körperliche Liebe anschließend aus einer völlig anderen Perspektive auf. Eine melodisch singende E-Gitarre legt sich im langen Intro über warme Synthesizer-Flächen. Zunächst bleibt alles ruhig und beinahe intim. Das immer wiederkehrende "Komm zu mir" wirkt wie eine Beschwörung. Doch mit fortschreitender Spieldauer nimmt die Intensität stetig zu. Schlagzeug, Bass und Keyboards werden kräftiger, die Stimmen breiter, bis aus der anfänglichen Intimität ein hymnisches Rockfinale geworden ist. Wo "Brücke durch die Nacht" Liebe als Teil des Fortbestehens menschlichen Lebens betrachtet, bleibt "In der Stunde der Glut" ganz beim unmittelbaren Begehren zweier Menschen. Damit endet der Studioteil des Albums - und "Augen der Sehnsucht" verändert sein Gesicht grundlegend.
 
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Die zweite Hälfte gehört dem live aufgenommenen Zyklus "Gesichter einer Stadt". Schon "Unterwegs nach Hause" klingt wesentlich unmittelbarer. Publikum, Pfiffe und Applaus gehören nun ebenso zum Klangbild wie die Instrumente. Glocken und ein ausgedehntes Keyboard-Vorspiel führen in ein mehrteilig aufgebautes Stück, das schließlich in einen kräftigen, stellenweise fast funkigen Rockgroove mündet. Der Erzähler ist lange durch die Welt gezogen, hat Fernweh und Neugier ausgelebt und entdeckt gerade durch diese Erfahrungen seine Sehnsucht nach der Heimat. "Es treibt mich heim" wird zum zentralen Ruf. Dabei wird Heimat keineswegs gegen die Ferne ausgespielt. Erst wer weggegangen ist, erkennt offenbar, was ihm zu Hause fehlt. Musikalisch bekommt die Band deutlich mehr Freiraum als auf der ersten Plattenseite. Gitarre, Bass, Schlagzeug und Keyboards dürfen miteinander spielen, statt sich ausschließlich einem kompakten Songformat unterzuordnen.
Kaum ist der Heimkehrer angekommen, schaut er genauer hin. "Stadtlandschaft" ist kantiger, gitarrenbetonter Rock und zugleich ein bemerkenswert konkretes Umweltlied. Straßenbahnlärm, verschmutzte Fensterscheiben, Kraftwerksschornsteine und belastete Fische ergeben Momentaufnahmen einer Stadt, deren Bewohner mit den Folgen von Industrie und Umweltverschmutzung leben müssen. Der große Refrain zieht daraus die Konsequenz: Die Welt besitzt viel Geduld, aber irgendwann tragen die Menschen selbst die Verantwortung dafür, wenn sie zerstört wird. Besonders gut funktioniert die Mischung aus ernsthafter Botschaft und teilweise schwarzem Humor. Electra halten keine abstrakte ökologische Vorlesung, sondern erzählen kleine Geschichten aus dem Alltag.
Noch ernster wird es in "Abends in der Stadt". Die Gegenwart trifft hier auf die Erinnerung an Krieg und Zerstörung. Aus dem friedlichen Blick auf das abendliche Lichtermeer entsteht die Erinnerung an eine Nacht, in der Häuser zerfielen, Feuer wütete und Menschen starben. Die historische Erfahrung wird zugleich zur Warnung für die Gegenwart. Das Stück entwickelt sich langsam von getragenem Midtempo-Rock zu einem großen Friedenslied. Besonders wirkungsvoll ist die Verbindung zwischen öffentlicher Geschichte und privatem Leben. Eltern und Kinder, Liebende und Familien machen aus abstrakten historischen Ereignissen individuelle Schicksale. Der mehrstimmige Refrain wächst live beinahe zu einem gemeinsamen Bekenntnis von Band und Publikum. Ein melodisches Gitarrensolo steigert anschließend noch einmal die Intensität.
Nach diesem schweren Thema bringt "Die letzte Nacht" zunächst deutlich mehr Leichtigkeit. Das Publikum klatscht mit, Bass, Schlagzeug, Gitarre und Keyboards entwickeln einen federnden, stellenweise funkigen Groove. Inhaltlich erleben wir die letzte gemeinsame Nacht junger Leute nach fünf Jahren im Internat. Die Prüfungen sind bestanden, Alkohol steht bereit, die Mädchen sind interessant - und am nächsten Morgen beginnt das Erwachsenenleben. Der zunächst simple Ruf "Wir werden saufen" täuscht allerdings darüber hinweg, dass unter der ausgelassenen Oberfläche Unsicherheit steckt. Die jungen Leute sind überzeugt, vieles besser machen zu können als die Generation vor ihnen. Doch Electra setzen selbst den ironischen Kommentar dahinter: Wie leicht sich das singt. Gerade dadurch wird aus der Abschiedsfeier eine Geschichte über den Übergang ins Erwachsenenleben. Bernd Aust darf außerdem mit einem kräftigen Saxophonsolo glänzen.
"Der Musikant" richtet den Blick anschließend auf die eigene Zunft. Ein Kindheitstraum hat sich erfüllt: Der Junge, der Musiker werden und durchs Land fahren wollte, steht tatsächlich auf der Bühne. Zunächst erzählt der Song mit viel Humor vom Musikeralltag - von vollen Sälen, Hitze, Schweiß und der Nervosität vor einem Konzert. Der Refrain ist ein leidenschaftliches Bekenntnis zur Bühne: Der Musiker klebt an ihr wie festgebannt, die Gitarre scheint mit seiner Hand verwachsen. Doch dann verändert sich der Text. Aus der Liebeserklärung an das Musikerleben wird die Frage, was Lieder überhaupt bewirken können. Vielleicht können sie Brücken zwischen Menschen bauen. Und könnte Musik tatsächlich Frieden schaffen, wäre der Musiker sogar bereit, seine geliebte Bühne zu verlassen und Mikrofon und Gitarre nie wieder anzufassen. Das ist ein starkes Paradox: Musik bedeutet ihm alles - Frieden noch mehr.
Der abschließende "Epilog" führt diesen Gedanken konsequent zu Ende. Electra verzichten nahezu vollständig auf einen herkömmlichen Rocksong. Breite, fast orchestrale Keyboardflächen bilden den Hintergrund für einen getragenen Gesang. Ein altes Buch mit jahrhundertealten Gesichtern wird zum Ausgangspunkt eines Blicks auf die Menschheitsgeschichte. Liebe und Gewalt, Erfahrung und Machtgier haben die Jahrhunderte überdauert. Der technische Fortschritt hat den Menschen dabei nicht zwangsläufig vernünftiger gemacht, sondern seine alten Schwächen sogar gefährlicher werden lassen. Damit schließt sich der Kreis zum Albumauftakt. "Vier Milliarden" hatte die technisch zusammengerückte Menschheit vor die Möglichkeit ihrer eigenen Vernichtung gestellt. Der "Epilog" fragt nun, ob ihr moralischer Fortschritt mit ihren technischen Möglichkeiten überhaupt Schritt gehalten hat. "Und so reicht euch eure Hände" lautet schließlich der Appell. Frieden soll keine Utopie bleiben. Besonders eindringlich gerät das lang ausgehaltene "lieben", bevor noch einmal der Gedanke aus "Der Musikant" aufgegriffen wird. Aus dessen persönlichem "Ich" ist nun ein "Wir" geworden: Könnte es dem Frieden dienen, käme die ganze Band von dieser Bühne. Danach gibt es keinen großen Rockausbruch mehr. Die feierlichen Keyboardklänge schwellen noch einmal an, ein letzter Akkord verklingt - und erst dann bricht der Jubel des Publikums los.

"Augen der Sehnsucht" ist damit ein Album mit zwei ausgesprochen unterschiedlichen Gesichtern. Die Studioseite präsentiert Electra als moderne Rockband des Jahres 1985: viel Synthesizer, große Melodien, eingängige Refrains und ein Klangbild, das seine Entstehungszeit keinen Augenblick verleugnet. Wer ausschließlich die langen progressiven Werke der früheren Electra erwartet, dürfte überrascht sein, wie kompakt und stellenweise poppig diese Stücke geraten sind. Dennoch steckt auch hier musikalischer Anspruch in den Arrangements. "Gesichter einer Stadt" auf der zweiten Seite führt wesentlich deutlicher zu jener Band Electra zurück, die musikalische Ideen gern größer denkt. Die Stücke bekommen mehr Raum, die Instrumente dürfen sich stärker entfalten und aus einzelnen Liedern entsteht ein zusammenhängendes Bild von Menschen, Heimat und Gesellschaft.

Bemerkenswert ist, wie viele Themen das Album dabei miteinander verbindet. Es geht um Frieden und Krieg, Liebe und Sexualität, Trennung und Sehnsucht, Fernweh und Heimat, Umweltzerstörung, Jugend, Erwachsenwerden und schließlich um die Frage, welche Rolle Musik in all dem spielen kann. Dabei taucht immer wieder das Bild der Verbindung auf. In "Brücke durch die Nacht" verbinden zwei Menschen die Generationen. In "Unterwegs nach Hause" gehören die Brücken zur vermissten Heimat. In "Der Musikant" sollen schließlich die Lieder selbst Brücken zwischen Menschen sein. Und der "Epilog" formuliert daraus die einfachste und zugleich größte Forderung: Reicht euch die Hände. Vielleicht steckt genau darin die eigentliche Bedeutung des Albumtitels. Die "Sehnsucht" dieser Platte ist keineswegs nur romantischer Natur. Es ist die Sehnsucht nach Nähe, Freiheit, Heimat, einer lebenswerten Umwelt und letztlich nach Frieden.

Gerade deshalb ist "Augen der Sehnsucht" mehr als ein interessantes Zeitdokument aus Mitte der Achtziger. Sein Sound gehört unüberhörbar in diese Epoche. Viele der Fragen, die Electra hier stellen, haben dagegen erstaunlich wenig Patina angesetzt. Mag die Musik auch von weit her klingen, so nah am Heute liegen dafür die Inhalte. Wer nach dem Lesen dieser Rezension wieder einmal Lust verspürt, dieses Album auf seinen Plattenteller zu legen, kommt dann auch mal wieder in den Genuss, der großartigen Stimme von Manuel von Senden zu lauschen. Dem Mann, der sich mit der Wende und seinem Ausstieg bei Elektra auch von der populären Musik verabschiedet hat und danach lange Jahre als Opernsänger aktiv war. Viele wünschen sich von ihm ein Comeback im Bereich des Rock, aber hier wird es wohl beim Wünschen bleiben.
(Christian Reder)





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