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Dolly Parton. Die Ausnahme
 
Ein Beitrag von Ronald Toplak (Fotos: KI)



Nein, ich bin nicht wirklich Country-Fan. Ich habe zwar ganze Partys veranstaltet, bei denen irgendwann alle Cowboyhüte trugen, Westernstiefel durch die Gegend stapften und Menschen, die fünf Minuten vorher noch behauptet hatten, sie könnten nicht tanzen, plötzlich im Gleichschritt über den Fußboden marschierten. Line Dance. Das volle Programm. Aber Country und ich? Das ist keine lebenslange Liebesbeziehung. Es gibt allerdings Ausnahmen. Dolly Parton.
Was für eine Frau.
Was für eine Sängerin.
Was für eine Musikerin.
Was für eine Songwriterin.

Und was für ein Verlust. Dolly Parton ist am 25. August 2026 in Nashville gestorben. Sie wurde 80 Jahre alt. Ihr Team sprach von einem kurzen Kampf gegen Krebs. Ich sitze da und denke: Eigentlich dürfte mich das gar nicht so treffen. Ich kannte Dolly Parton nicht. Aber ich kannte ihre Stimme. Und ihre Lieder. Verdammt viele davon.

Als DJ habe ich „Jolene“ aufgelegt. Immer wieder. Und „I Will Always Love You“. Natürlich die Dolly-Version. Das Original. Aber, klar, auch Whitney Houston. Diese beiden Platten müssen irgendwann so viele Runden auf dem Teller gedreht haben, dass die Rillen einen eigenen Antrag auf Frührente gestellt hätten. Dolly Parton konnte etwas, was nur ganz wenige können: Sie schrieb Lieder, die zunächst ganz klein wirken. Ein Mädchen hat Angst, eine andere Frau könnte ihr den Mann wegnehmen. Eine Frau verabschiedet sich von einem Menschen, der ihr wichtig war. Plötzlich wird daraus Weltgeschichte. 1973: „Jolene“ und „I Will Always Love You“, zwei Lieder, die unterschiedlicher kaum sein könnten und trotzdem aus derselben schöpferischen Quelle kamen. „I Will Always Love You“ war dabei kein klassisches Liebeslied. Es war ihr Abschied von Porter Wagoner, ihrem Mentor und musikalischen Partner. Dolly wollte sich von ihm lösen und ihre eigene Karriere beginnen. Sie schrieb ihre Gefühle auf und sang sie ihm vor. Wagoner soll dabei zu Tränen gerührt gewesen sein. Und stimmte schließlich zu, sie gehen zu lassen. Das ist eine dieser Geschichten, bei denen man denkt: So etwas kann man gar nicht erfinden.




Dann kam Whitney Houston. 1992 machte sie aus Dollys Country-Ballade für den Film Bodyguard ein globales Ereignis. Eine völlig andere Stimme, eine völlig andere Interpretation. Aber derselbe Song. Dolly blieb die Autorin und behielt die Rechte. Das war vielleicht auch eine ihrer größten Fähigkeiten: Sie wusste, was ihr gehörte. Dolly Parton war nicht nur eine begnadete Musikerin. Sie war Geschäftsfrau. Produzentin. Schauspielerin. Unternehmerin. Eine Frau, die sich in einer Männerwelt nicht kleinmachen ließ. Sie sah aus wie eine glitzernde Übertreibung. Und war gleichzeitig ziemlich clever. Cleverer als viele Menschen, die sich für besonders clever hielten. Ihr Haar war groß. Ihre Fingernägel waren lang. Waffenscheinpflichtig. Ihre Kleider funkelten. Ihre Stimme konnte einen Raum füllen. Hinter der ganzen Fassade saß eine Frau, die genau wusste, wer sie war. Sie machte sich über ihr eigenes Image lustig, bevor andere es gegen sie verwenden konnten. Das war ihre Geheimwaffe. Dolly konnte über Dolly lachen. Aber unterschätze niemals jemanden, der über sich selbst lachen kann. Vor allem dann nicht, wenn er nebenbei „Jolene“, „Coat of Many Colors“, „9 to 5“ und „I Will Always Love You“ geschrieben hat.

Aber dann war da noch diese andere Dolly. Die, über die man vielleicht viel zu selten gesprochen hat. Die Frau, die nie vergessen hat, woher sie kam. Dolly wuchs als eines von zwölf Kindern in bitterarmen Verhältnissen in Tennessee auf. Ihr Vater konnte nicht lesen und schreiben. Aus dieser Erfahrung entstand später die Imagination Library. Seit 1995 bekommen Kinder in den teilnehmenden Regionen kostenlos Bücher nach Hause geschickt. Im März 2026 waren bereits mehr als 314 Millionen Bücher verteilt worden.

314 Millionen.


Das ist keine PR-Aktion. Das ist ein Vermächtnis. Dolly hat Kindern Bücher geschickt, während andere Menschen Autogrammkarten verschickten. Sie unterstützte Forschung, half nach Katastrophen und stellte Geld für die Entwicklung des Moderna-Impfstoffs bereit. Sie gründete Dollywood und sorgte damit nicht nur für Achterbahnen und Unterhaltung, sondern auch für Arbeitsplätze und wirtschaftliche Entwicklung in ihrer Heimatregion. Und musikalisch?001 1 20260827 1983043533 Da war sie ohnehin überall. Porter Wagoner. Kenny Rogers. Linda Ronstadt. Emmylou Harris. Willie Nelson. Miley Cyrus. Dolly konnte Duette singen, ohne dass es nach musikalischer Paartherapie klang. Mit Kenny Rogers wurde „Islands in the Stream“ zum Klassiker. Mit Linda Ronstadt und Emmylou Harris entstand Trio. Eine Country-Supergroup. Später arbeitete sie mit einer neuen Generation von Künstlern zusammen. Wie Miley Cyrus. Dolly war ihre Patentante. Das passt irgendwie. Die eine mit den glitzernden Wimpern und der riesigen Stimme. Die andere mit der riesigen Stimme und irgendwann ebenfalls ziemlich viel Glitzer.

Dolly Parton war nie stehen geblieben. 2023 nahm sie mit Rockstar sogar ein Album auf, das sie endgültig aus der Country-Schublade befreite. Falls überhaupt noch jemand ernsthaft versucht hatte, sie dort hineinzustecken. Denn vielleicht war das Dolly-Parton-Prinzip immer schon: Du darfst mich gerne unterschätzen. Ich mache inzwischen einfach weiter. Ich habe Dolly nie als „meine“ Musik betrachtet. Das ist vielleicht das Schönste daran. Man muss nicht jeden Tag Country hören, um Dolly Parton zu lieben. Man muss auch keinen Cowboyhut besitzen. Ich habe übrigens einen. Irgendwo. Vermutlich neben den Westernstiefeln. Und wahrscheinlich gibt es irgendwo noch Fotos von diesen Line-Dance-Partys, bei denen Menschen mit erstaunlicher Ernsthaftigkeit versuchten, gleichzeitig nach links, rechts, hinten und vorne zu laufen, ohne sich gegenseitig umzubringen. Aber wenn heute „Jolene“ läuft, ist das plötzlich etwas anderes. Dann sehe ich nicht mehr nur eine Party. Dann sehe ich Dolly. Mit dieser Stimme. Mit diesem Lächeln. Mit diesem riesigen Haar. Und mit einem Lied, das so einfach klingt und gleichzeitig eine ganze Welt enthält. Eben das Geheimnis großer Musiker. Sie hinterlassen keine Platten.

Sie hinterlassen Erinnerungen.


Und irgendwann merkt man, dass die eigene Vergangenheit voll davon ist. Dolly Parton war für mich eine Ausnahme. Eine ziemlich große. Jetzt ist sie nicht mehr da. Aber ihre Lieder sind es. „Jolene“ wird weiter laufen. „I Will Always Love You“ sowieso. Wahrscheinlich werde ich beim nächsten Mal ein bisschen länger stehen bleiben, wenn der Song kommt. Vielleicht sogar den Cowboyhut aufsetzen. Aber nur ganz kurz. Man muss es ja nicht übertreiben.

Thank you, Dolly.


Für die Musik. Für den Humor. Für die Geschichten. Für die Bücher. Für all die Rillen, die längst keine Rillen mehr sind. Aber immer noch klingen wie am ersten Tag.



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