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Interview vom 22 März 2026



Obwohl Alfred Roesler-Kleint nie den direkten Weg ins Scheinwerferlicht gesucht hat, kennen CITY-Fans und Musikfreunde, die Plattencover aufmerksam lesen, seinen Namen sehr gut. Immerhin hat er einen Großteil des musikalischen Outputs der Berliner Kultband betextet. Aber so richtig viele Informationen über den Textdichter und Autoren gibt das Internet am Ende dann doch nicht her. Eine Kurzbio bei einem Verlag hier, da mal eine Erwähnung in einem Konzertbericht - das war's dann auch schon. Dabei hat der Mann, dem so viele tolle Worte einfallen, die dazu auch noch ganz wunderbar zu Rockmusik passen, eine wirklich spannende Vita. Wie aus dem im Westen geborenen und in den Osten gezogenen Schreiber das gefühlt sechste Mitglied der Gruppe CITY wurde und was der Mann in all den Jahren sonst noch so angestellt hat, erfahrt ihr in diesem Interview jetzt ebenso, wie was es mit seinem Buch "Pfefferminzhimmel" auf sich hat. Unser Kollege Christian hatte vor ein paar Tagen die Gelegenheit, mit ihm ein paar Worte zu wechseln.




Wir haben bei Deutsche Mugge oftmals mit Musikern gesprochen, die den Weg von der DDR in die BRD gegangen sind. In Ihrer Biografie ist der umgekehrte Weg zu lesen: 1949 in Westfalen geboren und von dort nach Ostberlin gegangen. Wie kam es dazu?
Mein Vater war ein Bengel aus einem Berliner Arbeiterbezirk: Weichselstraße, nahe der Frankfurter Allee. Er hatte den Krieg als achtzehnjähriger Schweißer in einer U-Boot-Werft überlebt, aber das Hinterhaus, in dem er aufgewachsen war, war weggebombt und ausgebrannt. Deshalb ist er raus aus der Trümmerstadt und Richtung Westen. Da gab´s Arbeit. Und in einem kleinen Dorf im Siegerland hat er sich in meine Mutter verliebt. Er hat sich in einer Bude für Kesselbau zum Gewerkschaftsvertrauensmann wählen lassen, ist in die KPD eingetreten, und als die verboten wurde und Westdeutschland aufrüstete und in die NATO ging, da hat es ihn nach Hause gezogen. In die Großstadt und dahin, wo angeblich die Arbeiter regierten. In dem Punkt hatte er sich allerdings getäuscht.


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In Ihrer Kurzbiographie auf der Seite des Klak-Verlages steht zu lesen, Sie seien "mit Fahnenappell und Micky Maus" aufgewachsen. Wie ist das zu verstehen?
Meine Sommerferien bestanden bis zur vierten Klasse zur Hälfte aus Pionierferienlager Ost und zur Hälfte aus Urlaub bei den Verwandten im Westen. Das war vor dem Mauerbau 1961. Auch in Berlin konnte man noch fast problemlos von hüben nach drüben wechseln. Das hat mich und andere davor bewahrt, nur die eine Seite zu kennen und hat mir beigebracht, misstrauisch gegenüber Parolen und Predigern zu sein. Der katholische Dorfpfarrer West war mir als Kind genauso suspekt wie die Strammsteher Ost, die von uns Jungpionieren verlangten, beim Appell "Immer bereit!" zu brüllen. Glaube und Gehorsam waren nie meine Sache. Der gekreuzigte Jesus hat mir zwar so leidgetan wie der ermordete Kommunistenführer Thälmann. Aber anbeten musste man keinen. Schon gar nicht ihre Apostel und Kommissare. Trotzdem war ich Fan von Täve Schur und Juri Gagarin.

Wie war Ihre Jugend und frühe Erwachsenenzeit insgesamt? Interessierte Sie Rockmusik, Sport, Literatur? Wie war Alfred Roesler-Kleint als junger Bursche drauf?
Mit zehn schwer herzkrank, daher leidenschaftlicher Leser, aber mit dreizehn geheilt und ostdeutscher Handball-Schülermeister mit dem SC Dynamo Berlin. Leistungssport, viermal die Woche Training. An den Wochenenden Punktspiele. Mit vierzehn in die Stratosphäre katapultiert von "She Loves You - Yeah, Yeah, Yeah!" und mindestens sieben unerreichbaren Mädchen. Die Haare bis über die Ohren. Aber zu untalentiert, um Gitarre zu spielen. Trotzdem in der Schulband. Der erste Liedtext: eine deutsche Version von "As Tears Go By". Gefühlter Hippie - aber ohne Drogen. Im Fernsehen und nahe an der Seele: Studentenrevolten, Schüsse auf Rudi Dutschke, Martin-Luther King und Bobby Kennedy. In noch größerer Nähe: der Prager Frühling und die Utopie vom "Sozialismus mit menschlichem Antlitz". Dann der Doppelschlag: Panzer auf dem Wenzelsplatz und zur selben Zeit der Einberufungsbefehl in eine Kaserne. Die langen Haare ab, und das Leben war gefühlt zu Ende. Die sechziger Jahre: das war die Zeit, in der für Momente fast alles möglich schien, sogar, auf den Mond zu fliegen.

Sie waren später Student an der Humboldt-Universität. Was war Ihr Fach?
Kulturtheorie und Ästhetik. Ein Studium ohne praktischen Nutzen - es sei denn, man wollte wissenschaftlicher Assistent oder Professor werden. Trotzdem war´s interessant: griechisches Theater, Philosophiegeschichte und Erkenntnistheorie. Am Ende hatte ich keine Ahnung, was aus mir werden sollte, war aber früh verheiratet, und Kinder gab es auch. Die Miete für Zimmer und Küche im Hinterhaus am Prenzlauer Berg betrug 30 Mark. Damit kam man hin.

Ich habe gelesen, dass Sie später Kulturredakteur wurden. Wie sah Ihre Tätigkeit aus, und wo haben Sie gearbeitet?
Ich hatte Glück. Meine damalige Frau sang zur selben Zeit wie Tamara Danz im "Oktoberklub". Dadurch kam ich in Kontakt mit den Machern des "Festivals des politischen Liedes" - neben der Leipziger Messe die weltoffenste Veranstaltung im DDR-Alltag. Ich habe die "Festival-Zeitung", ein Infoblatt mit Künstlerinterviews erfunden und auf die Art das obligatorische Militärlager für Studenten geschwänzt. Danach kam die Anfrage vom Chef des "Kulturmagazins" des DDR-Fernsehens. Ich war Seiteneinsteiger im Fernsehgeschäft. Fast alle anderen Redakteure kamen vom "Roten Kloster", der Journalistik-Sektion der Karl-Marx-Uni in Leipzig.

Irgendwas muss auf Ihrem beruflichen Weg aber schiefgelaufen sein, denn in der eben schon von mir erwähnten Vita ist zu lesen, dass Sie sich "als Abtrünniger des DDR-Fernsehens" mit Veröffentlichungen unter falschen Namen durchschlagen mussten. Was genau ist damals passiert?
Ich habe fünf Jahre durchgehalten, in denen einiges passierte: Wolf Biermann wurde ausgewiesen, meine Frau ließ sich scheiden und ging mit einem Musiker und meinem Sohn nach Kanada. Filme wie Egon Günthers "Ursula" oder Frank Beyers "Geschlossene Gesellschaft" wurden nicht gezeigt. Auch eine komplette Sendung des "Kulturmagazins" wurde vor der Ausstrahlung aus dem Programm genommen, weil sie nicht "auf Linie" war. Ja, es war verführerisch, als Mittzwanziger mit einem Kamerateam durch die Gegend zu fahren, Zehn-Minuten-Filmschnipsel über Ausstellungen oder Kabarettpremieren zu drehen - aber irgendwann hatte ich die Schnauze voll, bei den redaktionellen Abnahmen jedes Wort verteidigen zu müssen, das irgendeinem Hansel verdächtig vorkam. Dann wurde mir auch noch nahegelegt, die Verbindung nach Kanada und zu meinem Sohn abzubrechen. Das war´s dann. Meine Familie war weg, ich trug keine Verantwortung mehr für andere und hatte für niemanden zu sorgen - also habe ich gekündigt. Daraufhin gab´s nirgends einen Job, nicht mal als Nachtwächter, weil man davon ausging, dass ich demnächst einen Ausreiseantrag stellen würde, um meiner Ex-Familie nach Kanada zu folgen. Ich konnte mich nur über Wasser halten, weil mich Freunde unter falschen Namen Zeitschriftenartikel schreiben ließen.


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... damals und heute



Einer dieser falschen Namen war Kuno Kleinfelt, der 1985 erstmals auf dem CITY-Album "Feuer im Eis" auftauchte. War das Ihre erste Arbeit als Texter für Lieder?
Eine längere Geschichte, die mit dem Versuch zu tun hatte, gemeinsam mit meiner inzwischen in mein Leben geratenen Frau Scarlett dem DDR-Fernsehen eine Serie über eine fiktive Rockband unterzujubeln. Die Serie wurde abgeschmettert, weil der Intendant meint, dass Rockmusiker eine Randgruppe der Gesellschaft wären, die nichts auf dem Bildschirm zu suchen hätte. Aber dadurch waren engere Kontakte zu Musikern entstanden. Der erste veröffentlichte Song war "Steig ein, sag ihr, dass sie schön ist" vom Ex-Renftler Peter "Cäsar" Gläser. Später kam ein Ausrutscher in die Hitparaden mit Ralf "Bummi" Bursy dazu: "Mein Liebes, schläfst du schon?"

Wie kam es überhaupt zur Zusammenarbeit mit der Gruppe CITY? Sind Sie an die Jungs herangetreten oder die Jungs an Sie?
Das mit der gescheiterten Rock-Serie hatte sich herumgesprochen. Meine Frau und ich wurden eingeladen. In den Künstlerklub, die "Möwe". Kaminzimmer. Dämmerlicht. Toni Krahl und Fritz Puppel waren seit "Am Fenster" Stars. Wir waren völlige Nobodys, und CITY war für uns Establishment. Doch wir waren gnadenlos knapp bei Kasse. Und was tut man nicht für Geld … Im Ernst: Wir haben uns ziemlich schnell verstanden. Toni und ich sind vom selben Jahrgang und aus ziemlich ähnlichem Holz geschnitzt. Nur, dass er bedeutend lauter ist als ich.

Als einer der größten Erfolge ihrer Arbeit dürfte wohl das Album "Casablanca" von CITY aus dem Jahr 1987 sein. Darauf taucht neben ihren verschiedenen Pseudonymen auch der Name Titti Flanell auf, hinter dem Scarlett Kleint steckte. In welchem Verhältnis standen bzw. stehen Sie beide?
Wir sind seit inzwischen 45 Jahren das glücklichste Paar, das wir kennen. Auch im weltweiten Vergleich würden wir sicher gut abschneiden.

Außer für die Gruppe CITY war mir von Ihnen bis heute keine Arbeit bekannt, die Sie für andere Künstler oder Bands verfasst haben. Blieb es wirklich nur dabei, oder habe ich etwas übersehen?
CITY und inzwischen Toni als Solist, sind meine und unsere Exklusivadressaten. Es gibt ein blindes Verstehen, das ohne nervende Debatten und unproduktives Herumeiern auskommt. Kein "Das habe ich mir aber anders vorgestellt." Ich mache Vorschläge. Um die zwanzig Texte, manchmal mehr. Toni - früher gemeinsam mit Fritz - sucht aus. Dann wird vertont, was gefällt und kaum ein Wort geändert, nur manchmal etwas umgestellt oder bei Bedarf hinzugefügt. Der Song folgt der Idee, die hinter den Worten steckt. Nur in Ausnahmen wird auf vorhandene Musik getextet. Etwa, wenn der Komponist und Karat-Gründer Ulrich Pexa ein Demo anbietet. Ich weiß nicht, ob wir diese Arbeitsweise mit anderen Musikern praktizieren und durchhalten könnten. Hinzu kommt: Scarlett und ich sind weit öfter als Drehbuchautoren unterwegs, als dass wir Verse schreiben. Das befreit uns von der Last, am Fließband liefern zu müssen, und es schmerzt nicht, wenn etwas in der Schublade oder im File "Entwürfe" gespeichert bleibt. Manchmal stößt man da auf nichtgehobene Schätze. In meinem Gedichtband "Wir haben Wind gesät" kann man einige davon finden.


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Alfred Roesler-Kleint mit Toni Krahl



Gab es in Bezug auf das Verfassen von Songtexten für Sie irgendwelche Vorbilder oder Inspirationsquellen?
Wenn ich "Waterloo Sunset" von Ray Davies und den Kinks aus dem Jahre 1967 höre, denke ich: Sowas Einfaches, Berührendes und Wunderbares kriegst du nie im Leben hin. Der nächste Gedanke ist: "Schreibste eben was Anderes."

Aus Ihrer Feder stammt auch der von Schauspieler Tobias Langhoff verlesene Redebeitrag zur großen Alexanderplatz-Demo am 4. November 1989. Wie ist es dazu gekommen, dass Sie das verfasst haben, aber jemand anderer es vortrug?
Nach der gescheiterten Fernsehserie über eine Rockband wollten meine Frau und ich ein Drehbuch für die DEFA schreiben. Zwei Jugendliche beteiligen sich am Protest gegen den Einmarsch der Warschauer-Pakt-Truppen in Prag 1968. So wie seinerzeit Toni Krahl. Die zwei sind auf ein Geheimnis gestoßen. Zehn Jahre zuvor gab es verschwiegene und von staatlicher Willkür angezettelte Prozesse gegen Verleger, Studenten und Dozenten. Denen waren "konterrevolutionäre Verschwörungen" und "Boykotthetze" vorgeworfen worden. Einer, dem das wirklich widerfahren war, hieß Walter Janka. Widerstandkämpfer während der Nazizeit, nach dem Krieg Verlagsleiter, befreundet mit Thomas Mann und Charlie Chaplin, und von den eigenen Genossen für fünf Jahre ins Zuchthaus gesteckt. Wir haben uns mit Janka getroffen, und er hat uns für den geplanten Film Auskunft über diese düstere Zeit gegeben. Der Film kam zwar nicht zustande, denn im Herbst 1989 kam die friedliche Revolution dazwischen, und die Geheimnisse von einst waren keine mehr. Aber wir wollten, dass den Opfern des Stalinismus gedacht wird, und die Täter von einst zur Rechenschaft gezogen werden. Tobias Langhoff hat den Text verlesen, denn weder Scarlett noch ich sind für die große Bühne geschaffen. Wir fühlen uns Backstage wohl.

Nach der Wende gab es für Sie dann aber doch eine Rückkehr zum Ost-Fernsehen. Wie kam es dazu?
1989 waren wir plötzlich mitten im Sog möglicher Veränderungen. Bis dahin hatten wir Worte geliefert. Jetzt sollte es ein bisschen mehr sein. Am "Runden Tisch" wurde über die Demokratisierung der Medien verhandelt. Ein enger Freund von uns war daran beteiligt. Er bat mich, ihn zu unterstützen. Im Fernsehen hatte sich zwar schon einiges getan. Auch viele Journalisten fühlten sich befreit. Doch es war klar: mit der deutschen Wiedervereinigung, sprich dem Beitritt der DDR zur Bundesrepublik, würde diese, von innen heraus gestartete, Entwicklung unterbrochen. Dann würde das westdeutsche System übernommen und den Ostdeutschen würde die gerade erst gefundene Stimme wieder verloren gehen. Anderthalb Jahre lang, bis zum 31. Dezember 1991, haben wir das Programm reformiert, personelle Altlasten entsorgt und das Fähnchen "DFF" hochgehalten. Ich, der Rocktexter, von dem man nur die Songs und die Pseudonyme kannte, war Chefredakteur für Politik und Zeitgeschehen.

Und warum ist der Plan vom ostdeutschen Fernsehen nicht aufgegangen?
Durch kurzsichtige Politik. Provinzialismus. Eitelkeiten. Westimporte aus der zweiten Reihe, die endlich in die erste wollten. Und mit dem Totschlagargument, dass die "Roten Socken" ausgemerzt gehören - auch wenn sie diejenigen waren, die die SED-Schranzen in die Wüste geschickt hatten.

Stimmt meine Info, dass Sie die Bücher zu den doch im TV sehr erfolgreich laufenden "Usedom-Krimis" geschrieben haben?
Wieder gemeinsam mit meiner Frau Scarlett und einem Kollegen. Die Idee für diese Reihe stammte von uns, und zusammen haben wir die ersten sieben Folgen gestemmt. Danach war Schluss mit dem Morden. Es gibt zu viel davon - auf dem Bildschirm und im wahren Leben.





Im vergangenen Jahr ist CITY-Frontmann Toni Krahl als der wohl älteste Newcomer in der deutschen Rockmusikszene an den Start gegangen. Für sein Debütalbum "Genauso war's" haben Sie wieder die Texte beigesteuert. Hat Toni Sie um Ihre Mitarbeit gebeten, oder haben Sie ihm neue Werke angeboten?
Als die ersten Texte entstanden, war CITY noch auf Tour und in der "Letzten Runde". Mir war immer klar, dass Toni nicht klanglos auf dem Altenteil verschwindet. Deshalb lag schon einiges auf der Halde. Toni brauchte nur etwas Abstand. Den hat er als Gast bei SILLY gefunden. In der Zeit wurden dann auch die restlichen Songs für seinen Neustart mit den KINX vom Prenzlauer Berg geschrieben. Als das SILLY-Intermezzo beendet war, musste das Material nur noch im Studio lebendig werden. Die KINX und der grandiose Produzent André Kuntze verzeihen mir hoffentlich das "nur".

Mit "Pfefferminzhimmel" ist nun ein Buch erschienen, das Sie geschrieben haben. Es soll ein fiktiver Roman sein. Bitte erzählen Sie doch mal etwas über das Buch und die Geschichte, die darin erzählt wird.
Der "Pfefferminzhimmel" ist eine Liebesgeschichte, die ungefähr den Eckdaten meinem Lebenslauf folgt. Aber es ist keine Autobiografie. Im Abspann steht: "Personen und Handlung sind weitgehend fiktiv. Die öffentlichen Begebenheiten sind weitgehend authentisch." Die Heldin ist eine junge Frau, die im piefigen Land DDR auf keinen Fall alt werden will. Allerhöchstens dreißig. Live fast, love hard, die young. Aber dann gerät sie an einen Kerl, der selbst ausgestiegen ist, und irgendwie schaffen sie es, nicht aufzugeben. Zwei, die aus dem Raster fallen, aber genug Gründe finden, um im Lande zu bleiben.

Wie ist dieser Roman entstanden, und warum trägt er ausgerechnet den Titel eines CITY-Songs?
Wenn Ostdeutsche über ihr Leben erzählen, hören Westdeutsche oft gebannt zu. "Echt? So war das? Sowas hat´s bei euch gegeben?" Viele ostdeutsche Lebensläufe haben Haken. Man heiratete jung. Ließ sich schnell wieder scheiden. Geld war nicht die Hauptsache und Karriere kein Maßstab. Wer träumte schon davon, Betriebsparteisekretär oder Mitglied der Kreisdelegiertenkonferenz zu werden? Strandbäder waren wichtig. Beatschuppen. Diskos. Ersatzteile. Die Pille. Trampen zur Ostsee. Selbstgeschneiderte Klamotten und jede Menge Freunde. Das alles muss mal aufgeschrieben werden. Auch damit unsere Brüder und Schwestern zwischen Flensburg und Sonthofen endlich kapieren, dass es im Osten nicht nur Stasiopfer oder Stasitäter gab, sondern so muntere, kluge und manchmal verrückte Menschen wie überall. - Der "Pfefferminzhimmel" wiederum ist der Ort, wo alles noch viel besser scheint als in der nackten Wirklichkeit. Wo´s nicht grau und eng ist, sondern wo "die Palmen sich verneigen, und die Purpursonne weint" - wie im Song. Das unerreichbare Traumland WOANDERS lag für die Ostler im Westen oder im Süden. Im Roman meint es die Illusionen, die mit dem Werbefernsehen über die Grenze flimmerte. Happy People mit strahlweißen Zähnen und Peppermint-Atem. Wie falsch man mit dieser Vorstellung lag, erfuhr man, als die Mauer fiel. Strahlweiße Zähne und den Flug auf die Palmeninsel muss man erstmal bezahlen können.


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Werden Sie damit auch öffentlich auftreten, sprich: Lesungen machen?
Wer einen Club, einen Buchladen oder eine Schulaula betreibt, kann sich gern beim Verlag melden. Ich komme sogar mit musikalischer Begleitung.

Was für Pläne gibt es für die Zukunft? Ist da schon etwas in Vorbereitung oder nimmt gar schon konkrete Formen an?
Da bin ich abergläubisch. Man redet besser erst darüber, wenn´s geschafft ist.

Ich danke Ihnen für die Zeit und die Antworten auf meine Fragen. Möchten Sie am Ende dieses Gesprächs noch ein paar abschließende Worte an unsere Leser richten?
Ums mit Neil Young zu sagen: Hey, hey, my, my: Rock´n´Roll will never die.

Interview: Christian Reder
Fotos: Privatarchiv Alfred Roesler-Kleint




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