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Ein Konzertbericht mit Fotos von Christian Reder






Samstagnachmittag, strahlender Sonnenschein und mein vierfach "beringter" Begleiter aus Ingolstadt bringt mich über die Bundesstraße 235 in Richtung Bochum-Langendreer. Ziel ist die Christuskirche in direkter Nachbarschaft zur "Matrix", in der ich vor knapp einem Jahr ein tolles Konzert von Joachim Witt erleben durfte. Auch an diesem Samstag ist der Grund meiner Reise nach Bochum ein Konzert und nicht - wie man denken könnte - der Besuch einer Messe.a 20150419 1134463401 Dorthin gelockt wurde ich von Alexander Bärike, der landauf und landab nur als FÄHRMANN bekannt ist. Auch wenn er das mit dem "bekannt sein" noch nicht so wahrhaben will, so spricht sein Terminkalender 2015 mit fast 50 Konzerte in ganz (!) Deutschland aber doch eine ziemlich deutliche Sprache. Man kennt und bucht ihn inzwischen auch gern. Hierher nach Bochum-Langendreer, wo man gerade damit beschäftigt ist, das ehemals große Werk eines amerikanisch geführten Automobilherstellers dem Erdboden gleich zu machen (vorher tat dies besagter Konzern schon mit Tausenden von Arbeitsplätzen), wurde der Musiker von einem Verein geholt, von dem es eigentlich viel mehr geben müsste. "Verein zur Förderung der Musik an der Christuskirche zu Langendreer" heißt er und einige ehrenamtlich tätige Menschen versuchen damit, wie der Name es schon verrät, das Gotteshaus auch für kulturelle Zwecke zu nutzen.

Der Verein, von dem ich am Samstag gleich den kompletten Vorstand kennenlernen durfte, hat allein für dieses Jahr ein Programm mit 13 Konzerten auf die Beine gestellt, das für jeden Geschmack etwas bereit hält. Die Preise für die Konzerte liegen dabei zwischen 8,00 EUR und 24,00 EUR. Bei einem ist der Eintritt sogar frei und es wird nur um eine Spende gebeten. Bei wieder einem anderen darf die Jugend umsonst rein um sich dafür entschädigen zu lassen, was ihnen eine verfehlte Bildungspolitik mit Streichungen bei Kunst und Kultur an den Schulen heute verwehrt. Natürlich wird auch die in der Kirche fest installierte Orgel für die eigenen Konzerte genutzt, in dem man z.B. im Januar mit Leon Sowa, einen mit zahlreichen Preisen ausgezeichneten Organisten, und im März mit Hans-Christian Tacke sogar einen Orgelsachverständigen und Musikwissenschaftler dort zu Gast hatte. Aber neben der Klassik traut man sich auch, den wunderschönen Altarraum der Kirche mit anderen Instrumenten und Musikstilen leben zu lassen. So tritt dort im Mai die Irish-Folk-Band BLUE auf, im September kommt Michael Hirte mit kompletter Band und am 18. April war hier eben der FÄHRMANN mit seinem aktuellen Live-Programm zu erleben.

Pünktlich zur angekündigten Zeit richtete der Schatzmeister vom Kulturverein, Gerhard Nötzel, um 17:00 Uhr ein paar Worte zur Begrüßung an das erschienene Publikum. Er stellte FÄHRMANN kurz vor und wünschte uns viel Spaß mit dem nun beginnenden Konzert. Der FÄHRMANN hatte bereits auf seinem Hocker inmitten seines Instrumentariums Platz genommen. Links von ihm war sein Technik-Pult für Ton und Licht aufgebaut, hinter und neben ihm diverse Gitarren und ein Koffer mit verschiedenen Mundharmonikas, und ganz außen rechts lag ein Banjo in seinem Koffer. Der direkt vor ihm platzierte Leuchter mit brennenden Kerzen macht bei einem abendlichen Konzert im Dämmerlicht sicher ebenso was her, wie die Beleuchtung, die der FÄHRMANN für seine Auftritte einsetzt.b 20150419 1140398224 Aber wir waren an einem Nachmittag gekommen um ihm zuzuhören und zuzusehen, und draußen (und damit auch in der Kirche) war es noch taghell. Aber wer braucht schon Licht-Effekte, wenn er den Liedern und dem Vortrag eines FÄHRMANN lauschen kann? Schon mit den "Vorstadtträume(n)", mit denen der gebürtige Sachse sein Konzert eröffnete, war alles ringsumher nebensächlich. Man schließt sich diesen Träumen, von denen der Mann mit der Gitarre da vorne singt, einfach an und taucht ein in diese wunderbar beschriebene und lebendige Welt des FÄHRMANN. Diese fein beobachtete Momentaufnahme beim Blick aus dem Fenster ins Morgenrot, während Springsteen im Radio "Thunder Road" singt, erlebt man plötzlich selbst, als wäre es gerade echt und wünscht sich nach den letzten Worten "... wirfst ab, was Dir nicht passt, und gehst" eine Verlängerung dieses schönen Augenblicks. Der Song hat auch etwas von dem erwähnten "Thunder Road" und insbesondere die Umsetzung dieses Stücks durch FÄHRMANN nur mit Gitarre, Mundharmonika und seiner Stomp-Box, mit der er die Beats schlägt bzw. tritt, sorgen für erste Begeisterung. Auf dem Hocker im Altarraum sitzt ein Mann und es klingt, als spiele dort eine komplette Band. Angelo Branduardi lässt grüßen.

Leider war die Kirche am Samstag nicht voll, aber FÄHRMANN nahm es mit Humor und Gelassenheit in dem er anmerkte, wie sehr er sich darüber freue, dass ganz Langendreer zu seinem Konzert kommen konnte, und dass nur die erste Reihe wegen Krankheit fehlen würde. Damit hatte er die Lacher natürlich auf seiner Seite. Er ließ das Publikum wissen, dass er nun ein sehr schönes Lied spielen würde. Dies, so fügte er hinzu, würden wir im Verlauf des Konzerts noch öfter von ihm hören, denn er hätte ganz viele "schöne" und auch "sehr schöne" Lieder dabei. Und so wechselte er zum ersten Mal das Instrument und erzählte uns noch, dass er das Kinderlied "Kommt ein Vogel geflogen" im Kopf hatte, als er das folgende Lied "schrob". "Schrob", so klärte FÄHRMANN das Publikum auf, sei die Vergangenheitsform von "schrieb, erste Person singular", und wieder zeigten sich die Konzertgäste amüsiert. Den einleitenden Worten folgte "Komm setz' Dich ans Fenster"

Waren die ersten beiden Stücke des Sets vom FÄHRMANN sehr intensiv gespielt und vorgetragen, war es nun an der Zeit für ruhige und besinnliche Töne, denn mit "Was ich brauch", einem sehr leise vorgetragenen und auf der Gitarre nur sacht gezupften Liebeslied, wurde es ruhig im Kirchenschiff. Von diesen Momenten gab es am Samstagnachmittag noch mehr, so auch beim Titel "Ich steh' noch immer hier", einem weiteren Liebeslied, in dem es allerdings um die Zeit nach der großen Liebe geht, oder FÄHRMANNS deutscher Fassung des Leonard Cohen-Stücks "Suzanne".c 20150419 1877116733 Warum sich dieser Fremdtitel in seinem Set befindet, erklärte der FÄHRMANN auch: Er war 14 Jahre alt, als er es zum ersten Mal gehört hat, und er findet es so schön, dass er immer noch stehen bleibt und innehält, wenn er es irgendwo hört. Überhaupt hatte er zu jedem seiner Lieder eine kleine Geschichte zu erzählen. So z.B. über die Entstehung des Songs "Wer weiß", das den Klammervermerk "Shanghai" trägt. Dieses Lied sei ziemlich schnell entstanden, und die Idee dazu kam ihm auf der Autobahn zu einer Zeit, in der es viele neue Nummernschilder gab und die alten Nummern aus der Bundesrepublik einem gebürtigen Sachsen noch nicht so bekannt waren. "SHG" stand da an einem Auto und Fährmann war sich damals sicher, dass dieses Auto nur aus "Shanghai" kommen könne. Und so entstand ein Lied, das allerdings nur am Rande was mit Shanghai zu tun hat. Seit er diese Geschichte mal bei Konzerten im Landkreis Schaumburg, in dem diese Buchstabenkombination auf den Nummernschildern zu finden ist, erzählt hat, kann er dort kein Konzert mehr beenden, ohne dieses Lied gespielt zu haben. An einer anderen Stelle des Konzertes verglich FÄHRMANN das Ruhrgebiet mit der Großstadt Berlin und stellte fest, dass sich da von der Größe eigentlich gar nicht so viel tut. Nur er als Künstler habe festgestellt, dass man im Ruhrgiet ein Jahr lang im Kreis reisen und Konzerte spielen kann, und dabei immer wieder neue Leute kennenlernen könne. Das ginge in Berlin nicht. Wenn man dort irgendwo gespielt hätte, würden bei einem weiteren Konzert in der nächsten Zeit keine Leute mehr kommen, denn man war ja nun schon einmal da. Dies sei der große Vorteil vom Ruhrgebiet, weil es - anders als Berlin - nicht eine große Stadt, sondern viele Städte auf einmal sei.

Locker und ungezwungen gab FÄHRMANN während seines zweistündigen Auftritts den Entertainer ... einen sympathischen Gastgeber, der abseits seiner Lieder stets eine kleine Geschichte, einen Gag oder gar ein Gedicht auf Lager hatte. Von seinem Freund Rusty Trawler, der einen ziemlich langen bürgerlichen Namen trägt, weil seine Mutter fast alle Vornamen für ihren Spross gewählt hatte, die ihr zur Verfügung standen, erzählte uns der FÄHRMANN und auch davon, dass dieser kleine Gedichte schreibt. Mit der "Nacktschneck", die eine Hälfte eines Überraschungseis bewohnt, dem Gedicht über die Eiskunstläuferin, die bei einer Kür kein Höschen trug, der Ente Quackely, die dem Aligator entkam und am Ende einem Ventilator zum Opfer fiel, und dem Vogel, der bei der Balz so viel Pech hatte, weil er "der Letzte seiner Art" war, trug er am Samstag gleich vier dieser Gedichte vor und brachte sein Publikum damit zum Lachen.d 20150419 1617724422 Geschickt ins Programm eingebaut, entfalteten diese kleinen Gedichtpausen ihre volle Wirkung. Manchmal hilft so eine Gedichtpause auch dabei, unbemerkt seine Gitarre nachzustimmen. Unbemerkt aber nur dann, wenn man sein Publikum nicht darauf hinweist (wir Männer sind schließlich nicht multitask).

Über seine Lieder wurde nicht nur inhaltich sehr eindrucksvoll der Variantenreichtum deutlich, der in dem FÄHRMANN steckt. Es geht nicht immer um die Liebe, aber doch haben sie alle irgendwie mit der Liebe zu tun. Selbst wenn sie - wie in "Meine Dunkelheit" - autobiographischen Inhalt haben. Den FÄHRMANN einfach mit "Liedermacher" zu überschreiben, wäre übrigens viel zu eng gezurrt. In dem Paket steckt mehr, so dass eine einzige Schublade gar nicht ausreicht, um ihn dort unterzubringen. Wir erlebten am Samstag einen Country-Musiker ("Denk an mich"), einen Folk-Rocker ("Fährmann"), einen Hillbilly ("Wenn Du einen anderen siehst") und einen Pop-Musiker ("Instandbesetzt") ebenso, wie einen Liedermacher ("Meine Dunkelheit") und einen Liederträumer ("Anna, komm lass uns verschwinden"). FÄHRMANN ist ein Geschichtenerzähler, sowohl bei seinen Zwischentexten als auch in seinen Liedern. Sein Publikum folgt ihm dabei blind. Es fällt schwer, sich nicht auf das zu konzentrieren, was der Musiker vorn im Raum da spricht und singt, und so ist es auch nicht verwunderlich, dass ihm die Konzertgäste an den Lippen hängen und ihn immer wieder mit Applaus beschenken.

Nach gut zwei Stunden mit einer kurzen Raucherpause beendet FÄHRMANN sein Konzert. Aber nicht, um noch auf die Leistung des Kulturvereins und die Tatsache hinzuweisen, dass es sowas wie Samstag nicht mehr geben würde, würden Leute wie Hans Hagen von Döhren, Werner Köhn, Gerhard Nötzel, Rosemarie Kühne und Annette Vester-Hubbert nicht ihre Zeit und Energie opfern, um solche Konzerte für die Menschen möglich zu machen. Auch bedankte er sich noch bei seinem Licht- und Tontechniker ... also bei sich selbst ...e 20150419 1354156113 und dem erschienenen Publikum, das ihn so herzlich aufgenommen und mit reichlich Applaus beschenkt hat. Als Dankeschön gab es - ohne das übliche "runter von der Bühne - rauf auf die Bühne"-Procedere - zwei Zugaben, wovon eine mit dem eingangs schon erwähnten und bis zu diesem Zeitpunkt im Konzert vermissten Banjo bestritten wurde ("Wenn Du einen anderen siehst"). Den Schlusspunkt setzte eine weitere Coverversion, nämlich "Heute hier, morgen dort" von Hannes Wader.

Die Leistung des Künstlers abschließend zu bewerten fällt leicht: Von Anfang bis Ende ein tolles Konzert! Es wäre dem FÄHRMANN zu wünschen, dass er bei seinem nächsten Besuch in Bochum-Langendreer eine volle Kirche vorfindet und noch mehr Leute kommen, die ihn für sich entdecken. Den FÄHRMANN selbst und seine Geschichten, seine Lieder und seine Entertainer-Qualitäten. Dem "Verein zur Förderung der Musik an der Christuskirche zu Langendreer" wünsche ich weiterhin viel Erfolg bei ihren Bemühungen, Kultur in die Kirche zu bringen. Für mich sind diese Leute die stillen Helden in unserer Gesellschaft, die abseits vom Profitgedanken etwas für ihre Mitmenschen schaffen möchten, das ihnen Abwechslung und Freude bringt. Dabei wird nicht die Maximierung der Gewinne oben auf die Agenda gestellt, sondern das Bemühen, ohne rote Zahlen Alternativen zur Trallalla-Unterhaltung zu bieten. Darum darf durchaus die Frage in den Raum gestellt werden, ob man hier nicht den Begriff "Helden" verwenden darf. Ein Held ist schließlich jemand mit besonders herausragenden Fähigkeiten oder Eigenschaften, und diesen besonderen Eigenschaften sind wir am Samstagnachmittag bei einem Konzert vom FÄHRMANN begegnet. Vielen Dank dafür!


f 20150419 1584109352Setlist:
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Termine vom FÄHRMANN:
• 24.04.2015 - Stockstadt a.M. - “Alte Knabenschule”
• 09.05.2015 - Leer - tba (Martin Bengtsson & Fährmann)
• 23.05.2015 - Lüdenscheid - Karolines Kunst & Musik Café
• 28.05.2015 - Erkrath - SCHLADO im Kurhaus Erkrath
• 13.06.2015 - Sandhatten - Int.-Singer/Songwriter-Festival
• 14.06.2015 - Delmenhorst - Sommerkonzert
• 19.06.2015 - Dortmund - Schlegels
• 10.07.2015 - Pirna - Kunsthof Mockethal


Termine des KulTurM:
• 17.05.2015 - BLUE - Irish Folk Band
• 29.05.2015 - Schwarzmeer Kosaken - Der berühmte Chor mit Peter Orloff
• 07.06.2015 - Christian Köhn - Benefizkonzert des Pianisten
• 19.06.2015 - BoSy Stadtteilkonzert - Solisten der Bochumer Symphoniker
• 23.08.2015 - Valery Leontjev - Jazz mit dem ukrainischen Pianisten
• 06.09.2015 - Michael Hirte & Band - "Das Supertalent" an der Mundharmonika
• 03.10.2015 - Heinrich Schnitzler Orchester - Konzert in f-moll von Chopin
• 24.10.2015 - Zither trifft Akkordeon - Zitherorchester + Ute Völker
• 08.11.2015 - "Willst Du Dein Herz mir schenken" - musikalische Lesung

Alle Angaben ohne Gewähr! Weitere Termine und nähere Infos auf Fährmanns Homepage und der des KulTurM



Bitte beachtet auch:
• Off. Homepage von Fährmann: www.faehrmann-lieder.de
• Homepage vom Veranstalter "KulTurM": www.kulturm-langendreer.de






Fotostrecke:

 
 
 

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